Das Unbehagen in der Kultur

14. Mai 2014, 17:26
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Geiger Gil Shaham und Pianist Akira Eguchi im Wiener Musikverein

Wien - Das Unbehagen, das viele Menschen beim Erleben klassischer Musik empfinden, das Empfinden von Langeweile und Leblosigkeit, hat unter anderem mit der Musealisierung zu tun, die diese Musik im Lauf der Jahrhunderte erfahren hat. Emotionen werden, fein geschliffen und poliert, wie kostbare Juwelen in Vitrinen präsentiert.

Vonseiten der Originalklangbewegung ist da in den letzten Jahrzehnten einiges an Bewegung in die erstarrte Welt gekommen, und dieser Geist strahlte in die ganze Klassikbranche aus. Wer die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und den Pianisten Fazil Say vor einigen Monaten mit Beethovens Kreutzer-Sonate im Konzerthaus hören durfte, erlebte Unerhörtes: Wildheit, Radikalität, Spontaneität. Wahnsinn. Spiel und Spaß.

Bei seinem Abend im Großen Musikvereinssaal finalisierte der Geiger Gil Shaham mit diesem Werk. Es war alles wundervoll ausbalanciert und fein ausgearbeitet. Den Mittelsatz hätte man als Hintergrundmusik zu einem feinen Fünf-Uhr-Tee heranziehen können: Shaham und sein wohldressierter Partner am Klavier, Akira Eguchi, reichten statt Gurkensandwichs kleine Emotionsplätzchen. Hätten sie die Zugabe des Abends, einen blässlich interpretierten Ragtime, beim Untergang der Titanic gespielt, wäre den Passagieren viel Leid erspart geblieben, weil sie vor dem Ertrinken eingeschlafen wären.

Schon bei Schuberts a-Moll-Sonate D 385 hatte sich der in Israel aufgewachsene Shaham als ein Franz Fiedler der Geige präsentiert: als Wahrer der Contenance und Skeptiker der emotionalen Entäußerung. Am besten passte das ziselierte Spiel des 43-Jährigen zu Prokofjews Fünf Melodien für Violine und Klavier op. 35a, wie zum dritten Satz der dritten Geigensonate von Avner Dorman. Laute, kurze Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 15.5.2014)

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