Druck auf türkische Regierung nach Grubenunglück

14. Mai 2014, 22:23
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Profitgier und Missachtung von Sicherheitsvorschriften haben zum möglicherweise schwersten Grubenunglück in der Geschichte der Türkei geführt, klagen die türkischen Gewerkschaften an. Die Mine bei der Stadt Soma war von der Regierung privatisiert worden

Soma/Istanbul - Über eine schmale Treppe tragen Helfer in orangefarbenen Anzügen stundenlang Tote und Verletzte aus der Grube. Und dann ist erst einmal Schluss. "Es brennt immer noch ein Feuer", gibt Tamer Yildiz bekannt, der türkische Energieminister, der die ganze Nacht am Unglücksort verbracht hat. Der Weg zu den Eingeschlossenen in der Kohlenmine von Soma im Westen der Türkei ist versperrt.

"Wir gehen auf das schlimmste Minenunglück in der Geschichte der Türkei zu", sagt Yildiz am Mittwochvormittag, rund 20 Stunden nach der Explosion. 205 Tote sind zu diesem Zeitpunkt gezählt, 80 Verletzte, von denen die meisten schon aus den Spitälern sind; 360 können entkommen - aber mehr als 150 Kumpel sitzen noch unter der Erde fest, manche bis zu zwei Kilometer tief.

Soma ist das größte Braunkohlebecken des Landes und die Mine der Soma Holding von Alp Gürkan der mit Abstand größte Arbeitgeber in dieser Stadt, 125 Kilometer entfernt von Izmir. 6500 Beschäftigte finden hier ihr Auskommen, zwei Kraftwerke erzeugen Strom aus der Kohle.

Gürkan rühmte in einem Interview, wie er die Kosten für die Kohleförderung gedrückt hat, seit er 2009 vom Staat die Lizenz zur Ausbeutung der Mine erhalten hatte. Transformatoren für die Stromversorgung unter Tage sollen billiger in Eigenregie gebaut worden sein. Ein Brand in einem solchen Transformator am Dienstagnachmittag während des Schichtwechsels dürfte die Grubenexplosion ausgelöst haben. Jetzt steht der Unternehmer am Pranger und mit ihm die Regierung des konservativ-islamischen Premiers Tayyip Erdogan. Die Regierung sei verantwortlich für den "Massenmord von Soma", erklären Gewerkschafter, die für Donnerstag zu einem landesweiten Streik aufgerufen haben.

Erdogan vor Ort

Am Nachmittag gehen Erdogan und ein halbes Dutzend Minister die schmale Treppe vom Grubenausgang hinunter, wo Ambulanzwagen stehen und Tausende von Familienangehörigen. Die Zahl der Toten ist schon auf 232 gestiegen, Erdogan selbst gibt die Zahl bekannt, Donnerstagfrüh werden es bereits 282 sein. Drei Tage Staatstrauer hat der Regierungschef dafür verordnet. Staatsbesuche sind abgesagt worden, diplomatische Empfänge, Fußballspiele, Konzerte. In Istanbul wie in Ankara protestieren kleine Gruppen von Menschen gegen die angebliche Fahrlässigkeit von Politik und Unternehmen gegenüber den Minenarbeitern.

Bilder von Sicherheitskameras in der Mine zeigen Arbeiter, die in der Nacht zum Mittwoch den Weg nach oben suchen. Wie viel Sauerstoff den Verschütteten weiter unten in der Grube tatsächlich noch blieb, war unklar.

Die Sauerstoffflaschen, die den Arbeitern zu Verfügung stehen, reichten keinesfalls für den 45 Minuten langen Aufstieg, erklärte ein Bergarbeiter türkischen Reportern. Die meisten Kumpel in Soma starben an einer Vergiftung durch Kohlenmonoxid.

Tödliche Arbeitsunfälle

Die Türkei hat die nach China zweithöchste Rate an tödlichen Unfällen am Arbeitsplatz. 276 waren es allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres; 1235 im vergangenen Jahr. Gesetze zum Schutz am Arbeitsplatz sind zwar erlassen worden, ihre Einhaltung wird aber ungenügend überwacht. Wegen früherer Unfälle in der Mine von Soma hatte die sozialdemokratische Opposition im Parlament eine Untersuchung beantragt: Vor zwei Wochen erst wurde der Antrag mit den Stimmen der Regierungspartei abgelehnt.

Auch Minderjährige arbeiten in der privatisierten Mine. Mindestens ein 15-Jähriger war unter den Toten, die Mittwoch geborgen wurden. "Als einen Arbeitsunfall sehen wir das nicht an", erklärte Mahmut Arslan, Chef der Gewerkschaft Hak-Is. Das Grubenunglück von Soma wird ein politisches Nachspiel haben, das die Anspannung der Lage im Land vor Erdogans absehbarer Wahl zum Staatschef wohl noch erhöht. (Markus Bernath, DER STANDARD, 15.5.2014)

  • Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen Demonstranten in Istanbul vor.
    foto: apa/epa/suna

    Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen Demonstranten in Istanbul vor.

  • Rettungskräfte müssen sich im westtürkischen Soma einen Weg durch die tausenden Angehörigen der getöteten, verletzten und verschütteten Kumpel bahnen.
    foto: reuters/stringer

    Rettungskräfte müssen sich im westtürkischen Soma einen Weg durch die tausenden Angehörigen der getöteten, verletzten und verschütteten Kumpel bahnen.

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