Nach Pannen bei Zentralmatura: Bifie-Direktoren treten zurück

14. Mai 2014, 22:33
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Martin Netzer und Christian Wiesner machen nach Gespräch mit Bildungsministerin Heinisch-Hosek "den Weg frei" - Experten kritisieren "strukturelle Überstrapazierung"

Wien - Es brauchte dann zwei Gespräche mit der Unterrichtsministerin statt eines, wie von Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vorgesehen, aber Mittwochabend nach 22 Uhr war klar: Beide Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Martin Netzer und Christian Wiesner, "machen den Weg frei", wie der DER STANDARD erfuhr. Es wurde ein "geordneter Rückzug bis Ende Juli vereinbart". Stellungnahme wollte niemand abgeben, Heinisch-Hosek wird sich am Donnerstag öffentlich äußern.

Am Mittwochvormittag hatte die Ministerin noch gesagt: "Ich bin natürlich letztverantwortlich dafür, was im Bildungssystem gut oder schlecht läuft." Das war, bevor es zu Mittag beim ersten Krisengespräch darum ging, wer quasi die vorletzte Verantwortung für die Pannen beim Test der Zentralmatura tragen muss. Es folgten noch Treffen mit Bifie-Aufsichtsratsvorsitzendem Arthur Mettinger und den Schulpartner, und dann folgte am späten Abend Runde zwei mit den Bifie-Direktoren.

Rot-schwarze Proporzbesetzung

Es war klar, dass es Heinisch-Hosek um die Zukunft des Bifie insgesamt – mit Standorten in Wien, Salzburg, Graz, Klagenfurt – gehen würde und nicht nur um die Direktoren. Die mussten von Anfang an zittern, dass es nicht nur den für die "standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung" zuständigen Martin Netzer den Job kosten könnte.

Netzer wurde im März 2013 in koalitionärer Eintracht neben Christian Wiesner für fünf Jahre an die Spitze des Bifie gesetzt. Als ehemaliger Büroleiter von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde Erwachsenenbildungsexperte Netzer der schwarzen Reichshälfte zugerechnet, Wiesner, davor am Bifie Salzburg Leiter des "Zentralen Managements und Services", der Proporzlogik gemäß unter Rot verbucht und für Bildungsstandards und internationale Tests wie Pisa abgestellt. Die Mitarbeiterzahl wurde damals mit rund 150 angegeben, Budget: 21,4 Millionen.

Schon in den ersten fünf Jahren nach der Gründung 2008 war das Bifie mehrfach in Turbulenzen, Josef Lucyshyn wurde von Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) vorzeitig abberufen, und Gründungsdirektor Günter Haider taten seine oft sehr pointierten und politisch nicht immer genehmen Worte nicht gut, er wurde 2013 nicht mehr in seinem Amt verlängert.

Dann kamen die zwei Neuen - und 2014 das "Datenleck" mit angeblich frei zugänglichen Ergebnissen der informellen Kompetenzmessung und E-Mail-Adressen.

Kündigung nach Datenleck

Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass es sich dabei um einen kriminellen Akt gehandelt hat. Laut STANDARD-Informationen gab es in der Causa unlängst eine Kündigung im Bifie, das Bundeskriminalamt ermittelt noch immer.

Heinisch-Hosek griff damals ein und unterzog das Bifie einem TÜV-Test, den mit der Materie Betraute für die Kalamitäten bei der Zentralmatura mitverantwortlich machen. Durch den Test wurde die Zeit für den Druck der Testhefte halbiert, das Fehlerrisiko erhöht - und prompt ging etwas schief.

Dass die Ministerin damals die Pisa-Studie gegen nachdrückliche Expertenwarnungen stoppte, verbuchen mehrere Bildungsforscher auf STANDARD-Anfrage als symptomatisch für die "von Anfang an falsche Konstruktion" des Bifie, wie etwa Stefan Hopmann von der Uni Wien, der auch Mitglied des wissenschaftlichen Bifie-Beirats ist. Er hat wie seine Kollegin Christiane Spiel schon vor dem Beschluss des Bifie-Gesetzes gewarnt. "Viele europäische Länder haben sich nach der ersten Pisa-Studie Thinktanks zugelegt, die Daten generieren und interpretieren sollen. In den meisten Ländern wurde das ausgelagert, in Kooperation mit Unis oder in unabhängige Institute. In Österreich hat man ein Staatsinstitut gewählt, das hoheitliche Aufgaben wie Zentralmatura und Forschungsaufgaben erledigen soll. 'Leute, das geht nicht, ihr überstrapaziert das Bifie strukturell', haben wir damals gesagt."

"Auf dem Rücken der Schüler"

Vergeblich. Die "erwarteten Legitimations- und Verantwortungskonflikte" sind nun auf offener Bühne zu bestaunen und, schlimmer noch,"alles auf dem Rücken der Schüler. Deswegen bin ich so sauer", sagt Hopmann.

Bildungspsychologin Spiel nennt das "Fehlen der notwendigen Distanz zum Ministerium" - es entscheidet etwa, "was und wann berichtet wird" - als zentralen Grund für ihren Einspruch gegen das Bifie-Gesetz. Die "sehr guten nationalen Bildungsberichte" des Bifie lobt sie, urgiert aber eine "wissenschaftlich ausgewiesene und unabhängige Leitung" und Anbindung an die Uni.

Das tut auch Statistiker Erich Neuwirth, der bei der ersten Pisa-Studie einen Fehler nachgewiesen hat, den die OECD offiziell korrigierte: "Gewisse Kompetenzmängel" etwa bei der Deutschmatura führt er auf das "grundsätzliche Problem der Isoliertheit und Abgetrenntheit des Bifie von der restlichen wissenschaftlichen Welt" zurück. Dennoch: "Zusperren hielte ich für schade." Er hegt den Verdacht, dass es beim "Outsourcing" etwa der Zentralmatura, einer staatlichen Prüfung, an das Bifie auch darum geht, "Ministerverantwortung loszuwerden".

"Watschenmann"-Direktoren

Auf diese politische Verantwortung pocht auch Hopmann, der die Bifie-Chefs in der "Watschenmann"-Rolle und einem "Dilemma" sieht: "Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist." Das könne nur gelöst werden durch Trennung: "Forschungsaufgaben in wissenschaftliche Hände, hoheitliche Aufgaben in politische. Die Politik greift ja auch heftig in Forschungsfragen ein, etwa beim Pisa-Stopp. Das muss bereinigt werden." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 15.5.2014)

  • Ein Datenleck im Bifie und Pannen bei der Durchführung der Zentralmatura sorgen seit Wochen für Aufregung.
 
    foto: apa/neubauer

    Ein Datenleck im Bifie und Pannen bei der Durchführung der Zentralmatura sorgen seit Wochen für Aufregung.

     

  • Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek rief die Bifie-Direktoren daher am Mittwoch zu klärenden Gesprächen, ...
    foto: apa/fohringer

    Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek rief die Bifie-Direktoren daher am Mittwoch zu klärenden Gesprächen, ...

  • ... die dazu führten, dass Martin Netzer (li.) und Christian Wiesner den Weg frei machen und von der Spitze des Instituts zurücktreten.
    foto: apa/schlager

    ... die dazu führten, dass Martin Netzer (li.) und Christian Wiesner den Weg frei machen und von der Spitze des Instituts zurücktreten.

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