Eurydike im Wachkoma

Blog14. Mai 2014, 16:35
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice" bei den Wiener Festwochen

In Bulgarien, in einem Mittelgebirge namens Rhodopen nahe der Grenze zu Griechenland und der Türkei, gibt es sieben Dörfer, die von sich behaupten, in ihnen sei Orpheus zur Welt gekommen, sowie einen anderen Ort, an dem er angeblich begraben sei. Dieses Grabmal wird beglaubigt durch eine Tafel des Nationalmuseums, unterschrieben von einem Professor der Archäologie. Es entspricht einem Mythos, dass er vielen Orten entsprungen, weniger angemessenen hingegen, dass er zu Grabe getragen worden ist. Zumal aus niederen Beweggründen — wenn ein kulturelles Echo nur noch als touristischer Lockruf verwendet wird, haben wir den ursprünglichen Klang verloren. Der Mythos bleibt am Leben, indem er immer wieder neu erzählt wird, im Sinne bestimmter Sehnsüchte, Interessen und Visionen. In Regionen, in denen die Mythen intensiver den Alltag prägen als bei uns, wie zum Beispiel in Indien, erfahren die berühmten, allen bekannten Mythen unzählige Wandlungen. Mit anderen Worten: Das Heilige an einem Mythos besteht darin, dass er immer wieder neu adaptiert wird. So hat auch Gluck in seiner Fassung die tragische Legende mit einem Happyend versehen, der Gott Amor führt die Liebenden am Ende doch zusammen.

Foto: Luca Del Pia

Daran scheint auch der italienische Regisseur Romeo Castellucci zu glauben, der die antike Vorstellung der Unterwelt in eine höchst gegenwärtige Realität eines Wachkomas verwandelt. Eurydike ist eine junge Österreicherin, die vor drei Jahren einen Herzstillstand erlitt und seitdem zwar sehen und hören, lächeln und weinen sowie mit den Augen kommunizieren kann, ansonsten aber in ihrem eigenen Schattenreich gefangen ist, weitab von dem Leben, das wir kennen. Über Kopfhörer vernimmt sie live die jeweilige Aufführung. Der Abstieg von Orpheus in den Hades gestaltet sich als Autofahrt in ihr Krankenhaus, auf einer riesigen Leinwand in unscharfen Bildern sichtbar. Als er Eurydike wiederbegegnet, wird das Bild scharf (wie zuvor schon an der Krankenhausschranke, gewissermaßen der Styx) und zeigt ein unbekanntes Gesicht, das wir nicht lesen können. Die Erfahrung dieser Entführten, Entglittenen, ist uns fremd. Während wir also Musik hören, die zum Schönsten gehört, was jemals komponiert wurde, erhalten wir peripher Zugang zu einem Schicksal von individuellen Leid und existentieller Ambivalenz. Zur lebensbejahenden Barockmusik gesellt sich ein potenter medizinischer Apparat, dem es gelingt, die Betroffenen über Jahre und Jahrzehnte hinweg vom Tod abzuhalten, selten hingegen wieder ins Leben hinaufzuführen.

Das Experiment dieser Inszenierung funktioniert nur, weil auf die großartige Musik als Begleitung bei dieser Wegführung Verlass ist, bezaubernd kraftvoll und stimmig aufgeführt von dem Orchester B'Rock unter der Leitung von Jérémie Rhorer, dem Arnold Schoenberg Chor und drei famosen Solostimmen. Die Musik ist das Sicherheitsseil, auf dem wir über unser Unbehagen balancieren. Sie inspiriert etwa angesichts eines Baumes (verwackelt und unscharf) den Gedanken, wie es wohl sein mag, einen so prachtvollen Baum nie wieder zu sehen und zugleich in Erinnerung zu behalten. Doch gerade weil die Musik vielen von uns so vertraut ist, besteht die Gefahr, dass sie von der ausgiebig in knappen Sätzen auf die Leinwand projizierten Lebensgeschichte der jungen Frau im Krankenhaus überwältigt wird. Mehrere Zuschauer kommentierten hinterher, das Mitlesen, das Mitdenken, habe sie so stark abgelenkt, dass sie die Musik kaum mehr wahrnehmen konnten. Das Vertraute ist ein schwächerer Reiz als das Unvermutete.

Foto: Luca Del Pia

So einleuchtend die Grundidee ist, so viele Zweifel gehen einem im Laufe von intensiven 90 Minuten durch den Kopf. Auch wenn die Vermutung nahe liegen könnte, Voyeurismus stellt sich in keinem Augenblick ein, die Kameraführung wahrt subtil die Würde der Patientin. Problematischer hingegen ist die langwierige Anfahrt, die keinen ästhetischen Eigenwert besitzt, außer zu vermitteln, dass es nun in eine andere Welt geht. Diskussionswürdig auch die Entscheidung, sehr viel aus dem kurzen Leben der jungen Frau zu erzählen, wenig hingegen über ihren Zustand im Wachkoma über ihre sensorische und sinnliche Wahrnehmung, über die Chancen der Heilung (vage werden die fortbestehenden Hoffnungen der Familie angedeutet). Wie Jean-Dominique Baubys Buch "Schmetterling und Taucherglocke" nahelegt, kann das Eingesperrtsein in der Bewegungslosigkeit Momente von Freiheit und Aufbruch beinhalten. Vielleicht sind das zu hohe Ansprüche für einen kurzen Musiktheaterabend, aber etwas präziser in ihrer Beziehung zum Mythos hätte die Realität dieser modernen Schattenwelt vor Augen geführt werden können.

Was den grandiosen Abend am Ende überschattet, ist eine weder ästhetisch noch intellektuell ebenbürtige Lösung des erwähnten Happyends, der dieser inszenatorischen Vision offensichtlich im Weg steht. Der bis dahin vorherrschende Minimalismus auf der Bühne weicht einem bewusst abgenutzten, kitschigen Bild mit dorischen Säulen zur Linken und einem Teich zur Rechten, dem eine Nymphe entsteigt, rundherum grünen prachtvoll und lebenssatt Wälder und Hügel. Auch wenn die augenzwinkernde Absicht des Regisseurs klar ist, die zuvor aufgebaute Intensität wird zerfetzt. Man kann einen eigenwilligen Weg der Wahrhaftigkeit nicht in eine theatralische Versatzkiste münden lassen.

Foto: Luca Del Pia

Trotz aller Einwände: Für die Oper gilt, was für den Mythos formuliert wurde; ihre Relevanz muss im Gegenwärtigen aufgehen und dies ist in dieser Inszenierung geschehen.

Höhepunkt: Bejun Mehta, ein Countertenor, dessen Gesang weder artifiziell noch akrobatisch klingt, sondern höchst natürlich, so dass immer wieder zu hören ist, wie Hoffnung in seiner Verzweiflung aufblüht, wie neuerliche Verzweiflung seine Hoffnung ausdörrt.

Coda: Die intensive Diskussion danach, die lange andauerte. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 14.5.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
Orfeo ed Euridice - Christoph Willibald GluckWiener Festwochen, Halle E im MuseumsQuartier, 13. Mai 2014
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    Orfeo ed Euridice - Christoph Willibald Gluck
    Wiener Festwochen, Halle E im MuseumsQuartier, 13. Mai 2014

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