Wirtschaftsboom, Epidemien und Pleite: Erinnerungen an die Weltausstellung 1873

Ansichtssache14. Mai 2014, 15:10
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Bis 28. September zeigt das Wien Museum unter dem Titel "Experiment Metropole", wie sich Wien vor 141 Jahren als Großstadt positionieren wollte

Eine Anhäufung von Superlativen und unterm Strich ein gewaltiger finanzieller Verlust: Die gigantische Weltausstellung 1873 rückte Wien ein halbes Jahr lang ins internationale Rampenlicht und spiegelte zugleich die Anstrengungen wider, zu den damals führenden Metropolen London und Paris aufzuschließen. Dieser Epoche des rasanten Umbruchs widmet das Wien Museum nun eine Großschau.

foto: wien museum

Bei der Ausrichtung der globalen Leistungsschau auf dem Pratergelände wurde nicht mit Protzereien gespart: Eine Fläche, fünfmal so groß wie beim Vorgänger-Event in Paris (1867), 53.000 Aussteller aus 35 Ländern, 194 Pavillons in diversen Baustilen, eine 800 Meter lange Maschinenhalle und der Industriepalast samt weltgrößtem Kuppelbau - der 85 Meter hohen und später abgebrannten Rotunde - als Herzstück sollten den Gastgeber als Großstadt auf dem Weg zu Fortschritt und Moderne in Szene setzen.

Wien zur Zeit der Weltausstellung, 1873
Josef Langl
Ölgemälde

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foto: wien museum

Pläne und Fotografien der unterschiedlichsten Präsentationshallen beziehungsweise deren Errichtung, Originalausstellungsstücke wie ein Dampfmaschinenmodell, ein Webapparat, Thonetstühle und ein feuerfester Safe, Werbeplakate für "Vergnügungszüge" und Eintrittskarten für das Wiener Spektakel sowie Weltausstellungssouvenirs - von bedruckten Raucherutensilien bis zum bestickten Herrenhemd - lassen Gigantomanie und Erlebnischarakter der von 1. Mai bis 2. November 1873 abgehaltenen Veranstaltung ein wenig erahnen. 40 Tagesmärsche hätte es gebraucht, um sämtliche Pavillons zu besichtigen, errechneten die Ausstellungsmacher des Wien Museums.

Haupteingang der Weltausstellung (Ausschnitt), 1873
Fotografie

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foto: wien museum

Die Weltausstellung stellt in der auf drei Räume aufgeteilten und rund 1.000 Objekte umfassenden Panoramaschau im Haus am Karlsplatz allerdings nur einen Angelpunkt dar und steht gewissermaßen als Symptom für eine wichtige Transformation, die Wien in diesen Jahren durchmachte. "Nie zuvor hat sich die Stadt so schnell und so radikal verändert", sagte Museumsdirektor Wolfgang Kos, der gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Ralph Gleis kuratierte, am Mittwoch auf einer Pressekonferenz.

Bau des Industriepalasts, 1872
Fotografie

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Nordamerikanischer Wigwam auf der Weltausstellung, 1873
Fotografie

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Ausgehend vom Wirtschaftsboom in den späten 1860er-Jahren wurden zahlreiche Bauprojekte in Angriff genommen, darunter die repräsentativen Bahnhöfe, Brücken über Donau und Wienfluss, das Rathaus als Symbol für die wachsende Bedeutung der Kommunalpolitik gegenüber der höfischen Obrigkeit und die Ringstraße mit ihren "Logenplätzen der Superreichen". Die Nachfrage nach Milliarden Ziegeln machte den damaligen Wienerberger-Chef Heinrich Drasche zum reichsten Wiener. Ein ausgestellter Apparat zur Versendung von Rohrpost verweist auf die Beschleunigung der Kommunikation.

Ringstraßenbaustelle mit Heinrichshof, um 1863
Fotografie

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Siegerentwurf für das neue Wiener Rathaus, 1869
Friedrich von Schmidt
Aquarellierte Federzeichnung

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Um Epidemien in den Griff zu bekommen, gewannen Medizin und Hygiene an Bedeutung.

Präsentation von Sanitäreinrichtung, 1873
Fotografie

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In die Zeit rund um die Weltausstellung fielen der Bau der ersten Hochquellwasserleitung, die Donauregulierung, die Rettung des Wienerwalds vor geplanten Rodungen und Verkäufen und die Eröffnung des Zentralfriedhofs. Ein kleiner Übernahmeschein, der die Aufnahme eines unehelichen Kindes in ein sogenanntes Findelhaus dokumentiert, gibt ebenso Zeugnis von grassierender Armut wie die Besiedelungspläne vorstädtischen Territoriums wie Favoriten und Ottakring in Form elender Zinshäuser.

Bau der Reichsbrücke, 1873
Fotografie

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Die letzten Kapitel der Schau beschäftigen sich mit Bilanz und Folgen des Wiener Großspektakels. Aufgrund explodierender Kosten, einer erst kurz zuvor überstandenen Choleraepidemie und nicht zuletzt wegen des Börsenkrachs, der nur kurz nach der Weltausstellungseröffnung eine ökonomische Wende markierte, blieb die Besucherzahl mit 7,25 Millionen weit unter den Erwartungen.

Pferdetramway Schottenring–Dornbach, 1868
Aquarell

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In Summe standen 4,2 Millionen Gulden an Einnahmen 19 Millionen Gulden an Ausgaben gegenüber - ein Riesenverlust. Die damalige Wirtschaftskrise befeuerte zudem antisemitische Tendenzen, wie zeitgenössische Karikaturen zeigen. Es ist wohl kein Zufall, dass der spätere Bürgermeister und "Erfinder" des modernen Antisemitismus, Karl Lueger, 1874 die politische Bühne betrat. (APA/red, 14.5.2014)

Besuchstoilette, 1870/73
(Reifrock mit überproportionaler Betonung des Gesäßes)

"Experiment Metropole - 1873: Wien und die Weltausstellung" im Wien Museum am Karlsplatz, 15. Mai bis 28. September, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.

wienmuseum.at

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