Wolfgang Ischinger vermittelt im Ukraine-Konflikt

Kopf des Tages13. Mai 2014, 18:47
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Diplomat mit Vorliebe für knifflige Dialoge

Es gibt Personalentscheidungen, da hört man keine Kritik. Die Berufung des deutschen Diplomaten Wolfgang Ischinger zum Moderator für den runden Tisch in der Ukraine durch die OSZE ist eine solche. Nicht bloß deshalb, weil die Lage zu ernst ist, sondern auch, weil Ischinger einer der anerkanntesten Diplomaten Deutschlands ist.

Besonders in die Materie einarbeiten muss sich der 68-Jährige natürlich nicht. Er leitet seit 2009 die Münchner Sicherheitskonferenz, auf der sich alljährlich im Februar Sicherheits- und Außenpolitiker aus aller Welt versammeln.

Dieses Jahr hatte Ischinger Wladimir Klitschko als Mitanführer der ukrainischen Opposition und den damaligen Außenminister Leonid Koschara auf ein Podium gebeten. Als Russland später die Krim annektierte, war Ischinger dafür, Moskau nicht immer weiter zu isolieren. Der Westen dürfe daher nicht nur Sanktionen verhängen, sondern müsse "den Russen auch einen Weg zeigen, wie sie aus ihrer Schmoll- und Trotzecke mittelfristig wieder herauskommen können".

Ischinger stammt aus Baden-Württemberg, von dort zog es ihn zunächst in die USA. Er studierte in Bonn, Genf und Massachusetts Völkerrecht sowie Jus und war danach von 1973 bis 1975 Mitarbeiter des damaligen UN-Generalsekretärs und späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim in New York.

1975 trat er in Bonn ins Auswärtige Amt ein. Er arbeitete für den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), war Botschafter in den wichtigen Hauptstädten Paris, London und Washington.

Seinen Dienst in Washington trat er ausgerechnet am 11. September 2001 an - eine Stunde bevor die Flugzeuge ins World Trade Center krachten. Als der deutsche Kanzler Gerhard Schröder in Berlin kurz darauf den USA die "uneingeschränkte Solidarität" Deutschlands versicherte, waren dies Ischingers Worte.

Als sein "Meisterstück" gilt das im Jahr 1995 gemeinsam mit dem US-Diplomaten Richard Holbrooke ausgehandelte Dayton-Abkommen, mit dem der bosnische Bürgerkrieg beendet wurde. Ischinger war 1999 auch maßgeblich an der Beendigung des Kosovokrieges beteiligt, er bemühte sich um die Einbindung Russlands.

Ischinger (verheiratet, drei Kinder) verfügt nicht nur über ein internationales Netzwerk, er setzt immer auch auf das Gespräch. Sein Credo: "Es kann sein, dass der Dialog mit dem Gegner nichts nützt, aber falsch kann er nie sein." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 14.5.2014)

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    foto: epa/tobias hase
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