Wurst für die Welt

Kommentar der anderen13. Mai 2014, 18:18
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In vielen Ländern wurden zuletzt Gesetze verabschiedet, die Homosexuelle bestrafen oder ruhigstellen. Solche Gesetze und die mit ihnen einhergehende Diskriminierung verletzen universelle Menschenrechte

Letzten Monat nahmen tausende Ugander an einer "Feier" für ein neues Anti-Homosexualitäts-Gesetz des Landes teil, das Homosexuelle mit Gefängnis bestraft und gegen Menschenrechtsorganisationen hart durchgreift, die diese verteidigen. Im Jänner unterzeichnete Nigerias Präsident eine neue Rechtsvorschrift, die gleichgeschlechtliche Vereinigungen mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft. Das Land ist eines von mindestens 77, die Homosexualität kriminalisieren. Fünf - einschließlich Saudi-Arabien und Iran - schreiben die Todesstrafe für Erwachsene in einvernehmlichen homosexuellen Beziehungen vor.

In einigen Ländern Osteuropas und Zentralasiens haben Parlamentsabgeordnete unlängst Gesetze gefordert, die die Darstellung von "nichttraditionellen" - und speziell homosexuellen - Beziehungen in einem positiven Licht bestrafen. Dies kommt einer Einschränkung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit gleich.

Sowohl in Kenia als auch in der Demokratischen Republik Kongo haben Parlamentsabgeordnete strenge Anti-Homosexualitäts-Gesetze gefordert. Bruneis jüngstes Strafgesetzbuch, das in Kürze in Kraft tritt, schreibt für einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen die Todesstrafe vor. Im Februar hat der gambische Präsident während seiner Fernsehansprache anlässlich der Unabhängigkeit des Landes zum Kampf gegen Homosexuelle aufgerufen, "auf dieselbe Art und Weise, wie wir malariaverursachende Moskitos bekämpfen, wenn nicht noch aggressiver".

Diese augenscheinliche Verhärtung der Einstellung gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen (kurz: LGBT-Menschen) könnte eine absichtliche Taktik sein - geschürt von kapitalkräftigen religiösen Gruppen -, um die Aufmerksamkeit von realen Problemen wie Armut abzulenken. Homophobie begünstigt Vorurteile und falsche Vorstellungen - darunter die Annahme, dass Homosexualität irgendwie "unnatürlich" sei; dass homosexuelle Menschen eher pädophil seien und sich an Kindern vergreifen würden; dass die Entkriminalisierung von Homosexualität automatisch zu gleichgeschlechtlichen Eheschließungen führt; oder das gleiche Rechte für LGBT-Menschen irgendwie die Religionsfreiheit verletzen.

Naturgegeben

In Wirklichkeit ist Homosexualität naturgegeben und in allen menschlichen Gesellschaften im Laufe der Geschichte zu beobachten; sie wurde in vielen Gesellschaften über Jahrhunderte toleriert und tauchte erst kürzlich als politisches Thema auf. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Homosexuelle sich öfter an Kindern "vergreifen" als Heterosexuelle - Pädophilie ist ein Verbrechen, egal ob der Täter homosexuell oder heterosexuell ist, und niemand möchte das ändern.

Der Ruf nach einem Ende der Verfolgung von LGBT-Personen ist ein Ruf nach dem Ende von Diskriminierung und Gewalt, eine Grundprämisse unserer universellen Menschenrechte. Es steht in keiner Beziehung zu gleichgeschlechtlichen Eheschließungen, einem Thema, das Gesellschaften auf nationaler Ebene diskutieren möchten. Ferner bedeutet Religionsfreiheit keinen Freibrief für Verfolgung oder Vorurteile und Bigotterie.

Um diesen Vorurteilen zu begegnen, hat mein Büro vergangenes Jahr "Free & Equal (Frei & Gleich)" vorgestellt - eine beispiellose Kampagne der Uno, um das Bewusstsein für die Rechte von LGBT-Menschen zu schärfen. Wir taten dies, weil Menschenrechte für alle Menschen gelten. Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung ist ebenso irrational, ebenso falsch wie Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, und verletzt die Menschenrechte.

Zudem ist die Gewalt, die so viele LGBT-Menschen erleiden, erschreckend. Gesetze erfordern Handeln. Polizeiaktionen - so wie der kürzliche Angriff auf ein Gesundheitsprojekt in Uganda, weil es vermeintlich "Jugendliche in Homosexualität unterwies". Gerichtliche Maßnahmen - Gerichtsverhandlungen und Gefängnisstrafen für Menschen, die nicht als Kriminelle gesehen werden sollten. Und Handlungen durch Mitglieder der Öffentlichkeit. Begleiterscheinungen solcher Gesetze sind, dass Menschen spüren, sie billigen physische Misshandlungen von LGBT-Menschen; Vandalismus; Todesdrohungen; und sogenannte korrigierende Vergewaltigungen von Lesben. Ein anderer unbeabsichtigter Nebeneffekt ist Erpressung. Schon eine falsche Behauptung, dass jemand homosexuell sei, kann eine Rufschädigung sein und rechtliche Schwierigkeiten hervorrufen, sodass er oder sie für Schweigen zahlt.

Manche behaupten, dass die Zeit möglicherweise dieses Problem lösen wird: In der Vergangenheit wurden LGBT-Personen in vielen Ländern durch die Rechtssysteme verfolgt, wo sie jetzt frei leben können. Aber wir können nicht einfach warten. Wenn irgendeine andere Gruppe von Millionen Menschen gezwungenermaßen in Angst und stigmatisiert leben müsste, würde sich die internationale Gemeinschaft in der Verurteilung vereinen und Handeln verlangen. Die Tatsache, dass manche Länder sich weigern, das Ausmaß dieses Problems anzuerkennen, und dass manche die Vorurteile aktiv anheizen, macht es noch dringender, auf eine Änderung zu drängen. Der Schlüssel ist die Gewährleistung einer kenntnisreicheren Debatte, die Anspielung, Mythen und Verleumdung zerstreut - und uns daran erinnert, dass LGBT-Menschen gleiche Rechte auf Würde und Freiheit haben. (Navi Pillay, DER STANDARD, 14.5.2014)

Navi Pillay (72) ist Hochkommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte.

  • In Kopenhagen und ganz Europa schlägt Conchita Wurst eine große Welle der Sympathie und Toleranz entgegen, anderenorts hätte sie den Song Contest vermutlich eher nicht gewonnen.
    foto: reuters/navntoft

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  • Navi Pillay: Ablenken von den Problemen der Armut.
    foto: reuters/siegfried modola

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