Die Bahn zieht es in den Osten

14. Mai 2014, 17:00
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Die Marktlage für Schienengüterverkehr in Osteuropa ist nicht gerade einfach - Und doch blicken Bahnbetreiber optimistisch in die Zukunft

Die Entwicklung des Schienengüterverkehrs in Südosteuropa kommt nur schleppend voran. Die Gründe dafür sehen Experten in der langsamen Liberalisierung des Schienengüterverkehrs und dem inkonsequenten Infrastrukturausbau. Lohnt sich überhaupt ein Engagement im Osten für Unternehmen wie die heimische Rail Cargo Group, den Güterverkehrskonzern der ÖBB?

Davon ist man bei der ÖBB und bei der Deutschen Bahn überzeugt. Auch wenn die Privatisierungen der Staatsbahnen in Rumänien, Kroatien oder Bulgarien gescheitert sind und die Schiene in Osteuropa generell Boden an den weitaus billigeren Lkw verliert. Der Bahngüterverkehr hinkt der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung in den einzelnen Ostländern weit hinterher, sagt Anselm Ott, Unternehmensberater bei McKinsey.

Besonders in Rumänien und Bulgarien verliert die Schiene massiv an Terrain. Immerhin tummeln sich 51 private Eisenbahngesellschaften auf dem rumänischen Bahnnetz und buhlen um Ladung. Vornehmlich von westlichen Unternehmen, die Güter zu ihren Produktionsstätten nach Südosteuropa liefern. Ott schätzt die Chancen für die Bahn in Südosteuropa jedenfalls positiv ein: "Trotz der evidenten Probleme bergen die Ostländer Entwicklungspotenzial, zumal sich dort eine solide volkswirtschaftliche Aufwärtsentwicklung bemerkbar macht."

Hoffen auf die Türkei

Lichtblick im Südosten ist die Türkei, wo die Bahninfrastruktur massiv ausgebaut und bis 2023 ein Viertel des heutigen Güterverkehrs auf die Schiene verlagert werden soll. Die Türkei plant bis zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2023, ihr Außenhandelsvolumen auf 500 Mrd. US-Dollar zu verdreifachen und damit zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt aufzusteigen.

Auch die RCG setzt Hoffnungen in die Türkei und auf Südosteuropa. Gütertransporte zwischen Österreich und der Türkei wickeln die ÖBB verstärkt in Eigenregie ab, "weil damit die Transportqualität gesichert und die Kosten besser kontrollierbar sind", betont Georg Kasperkovitz, Vorstand der Rail Cargo Group.

Geschehen soll das mit sogenannten Ganzzügen, die von einem zentralen Bahnhof in Österreich nach Rumänien oder Istanbul ohne Stopp durchfahren. "Es ist nicht einfach, in Osteuropa Güterverkehr zu machen", gibt Kasperkovitz zu. Trotzdem: Die RCG ist ambitioniert und will sich früher oder später in Europa unter den drei Top-Akteuren neben DB Schenker Rail und PKP sehen.

Wachstum allerorten

Die Gütersparte der ÖBB ist derzeit in Europa in 16 Ländern präsent und agiert in Osteuropa verstärkt in Eigenregie. Die österreichischen Eisenbahner haben eine Fahrlizenz für die östlichen Staaten und können mit eigenen Loks das rumänische oder bulgarische Schienennetz befahren. In Kroatien steht die RCG kurz vor dem Markteintritt und steigt damit in den Ring mit der Staatsbahn HZ Cargo. Bei zwei Mio. Tonnen liegt das derzeitige RCG-Volumen in Kroatien, künftig will man in Eigenregie fahren, um die Produktion und Transportqualität fest im Griff zu haben. Kroatien investiert in den nächsten Jahren 300 Mio. Euro in den Infrastrukturausbau.

Mit Ausnahme von Rumänien prophezeit Ott allen südosteuropäischen Ländern Wachstumsoptionen. Ob die Bahn davon profitiert, darf ob des billigen Straßentransports bezweifelt werden. Selbst der rumänische Schwarzmeerhafen ist für den Bahnverkehr unattraktiv, weil sich Güter mit dem Lkw wesentlich preiswerter transportieren lassen als auf der Schiene. (Markus Trostmann, DER STANDARD, 15.5.2014)

  • Sogenannte Ganzzüge könnten bald schon von Wien nach Istanbul durchfahren. Ohne Stopp.
    foto: rail cargo austria

    Sogenannte Ganzzüge könnten bald schon von Wien nach Istanbul durchfahren. Ohne Stopp.

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