Tierschützer war kein Tierquäler: Freispruch

13. Mai 2014, 17:40
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Der erste von drei Neuauflagen des Tierschützerprozesses endete mit einem - nicht rechtskräftigen - Freispruch: Schweineschützer Jürgen Faulmann habe keine Schweine gequält

Wiener Neustadt - Der erste Prozess im zweiten gerichtlichen Durchgang des Tierschützerverfahrens dauerte nicht lang: Nur rund zwei Stunden brauchte Einzelrichter Erich Csarmann, um Jürgen Faulmann, einst Kampagnenleiter der Tierschutzorganisation Vier Pfoten, vom Vorwurf der Sachbeschädigung und Tierquälerei im Zuge einer Schweinebefreiung aus einem Intensivmastbetrieb freizusprechen.

Der Gerichtsgang fand statt, weil das Oberlandesgericht Wien Teile des Freispruchs aller 13 Beschuldigten des ersten, 14 Monate währenden, Tierschützerprozesses der Jahre 2010 und 2011 gekippt hatte.

Doch obwohl es laut Csarmann in beiden Beweisverfahren Indizien dafür gegeben habe, dass Faulmann mit der nächtlichen Tierfreilassung vor über sechs Jahren zu tun hatte: "Nichtsdestotrotz liegt kein strafrechtlich zu verurteilender Vorwurf vor", begründete der junge Richter seinen Spruch. Weder hätten die für kurze Zeit aus dem Stall gelassenen Tiere Unbilden erlitten, die als Qual zu bezeichnen sei, noch sei bei Faulmann der subjektive Wille zu erkennen, Tiere zu quälen - im Gegenteil.

Die Schäden an der Tür des Betriebs wiederum seien unbeträchtlich gewesen. "Keine Erklärung", hielt dem der Staatsanwalt entgegen - und unterbrach damit das spürbare kollektive Aufatmen im Saal.

Radtour zum Mastbetrieb

Mit seiner damaligen Kampagnenarbeit habe die Schweinebefreiung in der Nacht vom 30. auf 31. März 2008 nichts zu tun gehabt, hatte der Beschuldigte davor, während der Verhandlung, geschildert. Er selbst habe kein einziges Tier befreit, sondern sei lediglich am Tag vor der Aktion im Zuge einer Radtour mit Freunden an dem Mastbetrieb im niederösterreichischen Bad Fischau vorbeigekommen.

"Wie ich dort vorfahre, sehe ich, dass das große Tor des Betriebs offensteht. Und, dass innerhalb der Tore zwei tote Schweine liegen", erzählte er. Diese seien "entsetzlich zugerichtet" gewesen: "Große, entzündete Wunden mit Kannibalismusspuren an den Rändern" geht er ins Detail. Derlei Verletzungen seien in der Schweine-Intensivmast jedoch nicht ungewöhnlich.

Durch das offene Tor sei er in den für 100 Schweine ausgerichteten Stall vorgedrungen, in dem sich zu diesem Zeitpunkt rund 400 Tiere befunden hätten: "In einer Unterbringungsbucht habe ich ein weiteres totes Schwein gesehen. Jemand hat Fotos gemacht." Dann habe er den Stall verlassen und sei mit dem Rad weitergefahren. Wer in der folgenden Nacht zu dem Betrieb zurückgekehrt sei und die Schweine befreit habe, könne er nicht sagen. Laut einer Handy-Ortung war er bis spätabends in der Gegend.

Eine einzige Strafe

Nach dem Freispruch hat die Anklage nun drei Tage Zeit, um allenfalls Berufung gegen den Freispruch einzulegen: "Jetzt muss ich wieder zittern", kommentierte dies Faulmann nach Prozessende. Seine Bilanz: "Für mich war dieses Verfahren eine einzige Strafe, beruflich, finanziell und psychisch."

Während des Erstprozesses mit dem Hauptvorwurf, einer kriminellen Tierschützerorganisation anzugehören, hatte er ein Burnout erlitten. Dessen Folgen ziehen sich bis heute: "Nach meinen Erfahrungen mit Polizei und Justiz könnte ich keine großen Kampagnen mehr fahren", sagt der Mann, der heute im Gnadenhof der Pfotenhilfe 20 aus Mastbetrieben gerettete Schweine betreut.

Kommenden Montag gehen die Tierschützerprozess-Neuauflagen weiter. Vorwurf gegen drei Aktivisten: Nötigung. (Irene Brickner, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Beim Beschuldigten sei kein Wille feststellbar, Tiere zu quälen - im Gegenteil, sagte der Richter über Jürgen Faulmann (links), hier mit seinem Verteidiger Jürgen Stephen Mertens.
    foto: apa/robert jaeger

    Beim Beschuldigten sei kein Wille feststellbar, Tiere zu quälen - im Gegenteil, sagte der Richter über Jürgen Faulmann (links), hier mit seinem Verteidiger Jürgen Stephen Mertens.

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