Fortgesetzte Widersetzlichkeit

Porträt13. Mai 2014, 17:12
9 Postings

Das Schreiben ist für Karl-Markus Gauß eine Notwendigkeit des Denkens und Deutens. Seine Literatur mischt Kulturerzählung, Bildungsroman und Glosse. Ein Porträt zum 60. Geburtstag

Wien - Als im Jänner dieses Jahres der Österreichische Kunstpreis in der Hofburg überreicht wurde, sprach Karl-Markus Gauß in seiner Rede gleich die erste Reihe an: "Lieber Herr Bundespräsident, bitte fürchten Sie nicht, dass ich Ihnen als ratloser Preisträger die Frage stellen werde: Wos woar mei Leistung?" Die Leistung, das steht diesmal außer Zweifel, ist jetzt schon ein Lebenswerk; es ist - um einen Parteifreund des Bundespräsidenten zu beruhigen - "auch mit Arbeit verbunden".

Und es wäre nicht Gauß in seiner fortgesetzten Widersetzlichkeit, wenn er nicht statt der gewöhnlichen Dankesfassade alsbald der werten Festgemeinde Relationen der Finanzherrschaften vor Ohren geführt hätte: Für ein Kunst-Lebenswerk sieht der Kulturstaat Österreich nicht einmal die Hälfte jener Summe vor, die Pensionisten der Nationalbank in einem einzigen Monat erhalten.

Mit mir, ohne mich

Die Reihe der Bücher (dazu wohl tausend Rezensionen), die der Salzburger Sprachkünstler in mehr als drei Jahrzehnten der Öffentlichkeit überantwortet hat, ist in jeder Hinsicht beachtlich. Sie bringt ebenso tiefgreifende wie espritvolle, erkenntnisreiche wie originelle, präzise wie gewitzte Einblicke in große und kleine Welten. Der Betrachter selbst drängt sich weder vor, noch blendet er seine Subjektivität aus. Mit mir, ohne mich hat er einen seiner Bände genannt.

Sein Reisen thematisiert er ebenso wie sein Schreiben, das er als Notwendigkeit des Denkens und Deutens sieht. Von der gängigen Österreich-Essayistik unterscheidet sich Gauß durch die literarische Komposition und den weiten Blick. Im Wald der Metropolen kündigt 2010 im Titel ein Überschreiten, eine Vermischung an; Ruhm am Nachmittag bringt 2012 neben Beobachtungen über das Altern sowohl erschreckende Bilder unserer Zeit als auch höchst amüsante Kurzkrimis.

Diese Literatur ist eine heutige Mischung von Kulturerzählung, Bildungsroman, Glosse und Kalendergeschichte. Dazu hat Gauß drei Säulen geschaffen: die Journale und Essaybände mit ihren stupenden Zusammenhängen, die Brücken bauen, wo man nie welche vermutet hätte; die Reportageliteratur über seine Reisen; die getreulichen Erinnerungen zur Erfindung der Familiengeschichte und des eigenen Lebens.

Mit Das Erste, was ich sah widmete Gauß kürzlich erstmals einen ganzen Band dem Privaten, konsequenterweise zunächst der Entwicklung zum Büchermenschen in den 1950er-Jahren.

Das Erste, was ich von ihm sah: Im Verlag, in dem er seit 1991 die Zeitschrift Literatur und Kritik herausgibt, trat ich zu ihm ins Zimmer - "Büro" würde nicht stimmen, man würde an "Staatsschattengewächse" denken, deren Autorenwesen er so einsichtig beschrieben hat, dass unsereinem Phänomen und Wort nicht aus dem Sinn gehen.

Karl-Markus Gauß, der seinem neuesten Band den bezeichnenden Titel Lob der Sprache, Glück des Schreibens gegeben hat, saß, wo er hingehört: am Schreibtisch, hinter, vor und neben ihm Bücher. Über die redeten wir, während draußen die Züge so laut über Weichen ruckelten, als würden sie ihn gleich für eine seiner Reportagen mitnehmen. Zu den Versprengten Deutschen, den Sterbenden Europäern, den Roma, Aromunen, Arbereshe kann man in seinen Werken gelangen. Man hört die Zimbern sagen "Entschuldigung, dass wir so wenige sind".

Gescheit spannt Gauß mit kritisch-analytischen Blick den narrativen Bogen, versieht ihn bisweilen mit einer (an Vorgängern geschulten) Reflexion über die Gattung und die eigene Verfahrensweise: Das, was ich schreibe, erschafft mich; der Diarist vermag sich dabei zu beobachten, "wie sich der Abdruck der Dinge und Ereignisse im eigenen Ich, wie sich damit dieses Selbst verändert".

Die Frage, ob der Ansatz von der eigenen Familiengeschichte aus dem Banat ausgehe, ist müßig. Die Lektüre der Journale beantwortet sie alsbald. "Mein Großvater hatte einen Koffer voll Geld und war ein armer Mann", beginnt das Jahresbuch Von nah, von fern. Es ist einer der überraschenden Sätze, in denen Gauß übliche Gegensätze überdenkt. Etwa so: "Als ich Georg kennenlernte, war er zwei Jahre älter als ich. Im Laufe der Jahre hat sich das geändert, und eine Zeitlang war ich älter als er."

Ob Karl-Markus Gauß im Moment gerade älter ist als ich, weiß ich nicht zu sagen. Gewiss ist (gemäß der Formulierung eines anderen Salzburgers): Nun geht es für ihn, der heute, Mittwoch, seinen 60. Geburtstag feiert, zum einundsechzigsten Mal um die Sonne. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Karl-Markus Gauß drängt sich in seinen Werken als Betrachter weder vor, noch blendet er seine Subjektivität aus. Am 14. Mai wird der Salzburger 60 Jahre alt.
    foto: urban

    Karl-Markus Gauß drängt sich in seinen Werken als Betrachter weder vor, noch blendet er seine Subjektivität aus. Am 14. Mai wird der Salzburger 60 Jahre alt.

Share if you care.