Vom Chaos in der Liebe und der Politik

13. Mai 2014, 17:10
posten

Die Wiener Regisseurin Jessica Hausner ist bereits zum dritten Mal bei den Filmfestspielen in Cannes vertreten. "Amour Fou" heißt ihr jüngster Kinofilm, der dieser Tage als einziger österreichischer Beitrag an der Croisette Weltpremiere feiert

"Ich habe keine Angst mehr, dass mir nichts einfällt", sagt Jessica Hausner und lacht sofort über ihren Gedanken. Nach kurzer Pause bestätigt sie dann - keine Frage, mit jedem Film, den sie realisiert hat, wuchs die Sicherheit: "Und Cannes ist dahingehend auf jeden Fall eine Bestätigung."

Mit ihrem neuen Film Amour Fou ist die österreichische Filmemacherin nach Lovely Rita und Hotel bereits zum dritten Mal in die Sektion "Un certain regard" des am Mittwoch beginnenden Filmfestivals geladen. Eine Auszeichnung, von der andere nur träumen können. Allerdings, sagt die 41-jährige Regisseurin, habe sie sich eigentlich erhofft, diesmal den Sprung in den "Klub" des offiziellen Wettbewerbs zu nehmen. Auch wenn in der Nebenschiene oft die experimentierfreudigeren Arbeiten zuhause sind.

Amour Fou wird am Freitag seine Weltpremiere feiern. Es ist Hausners erstes "period piece", ein historisches Kammerspiel um den Doppelselbstmord des deutschen Dichters Heinrich von Kleist und seiner Geliebten Henriette Vogel. Nach Lourdes, in dem sie vom Glauben an Wunder an der gleichnamigen Wallfahrtsstätte erzählte, erneut eine interessante, ausgefallene Themenwahl: "Angefangen habe ich mit diesem jungen Paar, das sich in Norwegen von einer Klippe gestürzt hat. Sie haben sich dazu im Internet verabredet, es gab auch ein Theaterstück, norway.today", erzählt Hausner. Allerdings habe sich der tagesaktuelle Stoff nicht befriedigend umsetzen lassen.

Auf Kleist ist sie schließlich auf der Suche nach historischen Vorbildern gestoßen. Was hat die Wahl des lebensmüden Romantikers bewirkt? Nicht etwa, wie man zunächst vermuten würde, die planvolle Ausgeklügeltheit seines Abtritts, die den Literaturtheoretiker Karl-Heinz Bohrer einmal zu der These verleitete, dies sei sogar Kleists größtes Kunstwerk gewesen. Hausner begeistert vielmehr die Absurdität eines Liebesbekenntnisses, das sich erst im Tod bestätigt sieht: "Es ist ja nicht so leicht, sich umzubringen. Da missglückt schnell etwas, und man versucht es mit anderen Mitteln. Das gewinnt dann so eine Pragmatik, weil der Vorgang an sich widerspenstig wird."

Austauschbare Partner

Außerdem habe sie bei der Recherche entdeckt, dass Kleist vor Vogel andere Mitstreiter für seine Freitodidee gesucht habe. Diese Austauschbarkeit des Partners passt nicht recht ins Bild romantischer Exklusivität. "Es liegt die Vermutung nahe, dass er letztlich irgendjemanden gesucht hat - und sich so in diese Idee hineinsteigerte, dass ein Gefühl von Liebe entsteht. Das fand ich interessant."

Amour Fou ist, anders als der Titel nahelegt, mehr ein Film über das Halbherzige an einer Liebe. Vieles davon, warum man sich füreinander entscheide, sagt Hausner, habe eben auch mit einer Illusion zu tun. "Dass man etwas will, und dass man genau das dann in jemand anderem sieht. Solange das Verhältnis bleibt, funktioniert es auch. Wenn der andere zu hartnäckig ein anderer ist, geht es irgendwann schief."

Die Perspektive auf einen, der gleichsam zu viel von seinem Gegenüber will, ist auch für die Besetzung der Rollen entscheidend gewesen. Für Christian Friedel (Das weiße Band) habe sich Hausner entschieden, weil er Kleist ganz ohne Eitelkeit und Geniedünkel spielen konnte. "Er hat ihm eine gewisse Kleinheit verliehen und die schwierigen Dialoge mit Selbstironie gesprochen. Man soll im Film ja die Anmaßung und die Eitelkeit seines Anspruchs spüren." Birte Schnöink, die Darstellerin der Henriette, sei dagegen ein altmodischer Typ: "Sie ist authentisch bescheiden. Das hat sie auch in die Rolle eingebracht. Sie verfügt über eine höfliche Zurückhaltung, aber sehr natürlich, beseelt."

Gedreht wurde hauptsächlich in Studios in Luxemburg, wo der Film mitgefördert wurde. In der Darstellung der Wohnung der Vogels - Henriette war verheiratet und hatte eine Tochter - ging es Hausner vor allem darum, einen Spezialfall zu behaupten. "Ich habe durchaus auch etwas Unperfektes gesucht, es liegt dann doch irgendwo eine Decke herum, oder es läuft ein Hund ins Bild. Ich wollte eine spezielle Authentizität, eine, die eben hier und jetzt ist und nicht woanders. Mit gefallen die zufälligen Momente, das Unplanbare am Leben."

Trotz der Eingrenzung auf ein bürgerliches Zuhause und die Dynamik der Liebe zwischen Kleist und Vogel beschäftigt Hausner aber auch das gesellschaftliche Umfeld, ein politischer Umbruch, in dem sie durchaus Parallelen zur Gegenwart erkennen kann. "Die französische Revolution hat widersprüchlichste Meinungen erzeugt. Es war durchaus modern, gegen die Demokratie zu sein und zu sagen, dass der Feudalstaat viel besser funktioniert. In den Dialogen im Salon geht es auch darum, ob ein Staat, in dem jeder die Verantwortung trägt, überhaupt funktionieren kann."

Diese Frage sei gegenwärtig auch in bis vor kurzem noch autoritär geführten Ländern aktuell. "Mir war es wichtig, einen politischen Dialog als Echo zur Liebeshandlung herzustellen." Chaos herrscht auf beiden Ebenen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Mit "Amour Fou" hat Jessica Hausner erstmals einen historischen Kostümfilm gedreht: Birte Schnöink (im Vordergrund) als Henriette Vogel und Christian Friedel (re.) als Heinrich von Kleist. 
    foto: festival

    Mit "Amour Fou" hat Jessica Hausner erstmals einen historischen Kostümfilm gedreht: Birte Schnöink (im Vordergrund) als Henriette Vogel und Christian Friedel (re.) als Heinrich von Kleist. 

  • Schon Cannes-erfahren: Jessica Hausner.
    foto: epa/christophe karaba

    Schon Cannes-erfahren: Jessica Hausner.

Share if you care.