Das Davor und das Danach

13. Mai 2014, 17:07
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Yasser Mroué berührt im Brut mit "Riding on a cloud"

Wien - Es gibt immer ein Davor und ein Danach: Die Zäsur im Leben von Yasser Mroué ist der 17. Februar 1987. Der junge Mann wollte in Beirut schnell zu seinem Großvater, einem kommunistischen Philosophen, der gerade ermordet worden war. Auf der Straße wird er von einem Heckenschützen mit einem Schuss in die Stirn niedergestreckt. Einfach so, ohne Grund. Yasser Mroué wird ins Krankenhaus gebracht und dort zu den Toten gelegt. Ein Arzt erkennt aber, dass er noch lebt, und leitet eine Notoperation ein.

Davor wollte Yasser Mroué eigentlich Künstler werden. Nun hat er einen "Hirnschaden": Er ist halbseitig gelähmt, er kann nicht mehr richtig sprechen, er bringt bloß "kaputte Wörter" aus seinem "kaputten Hirn" heraus. Zudem nimmt er nur die unmittelbare Realität wahr; auf Fotografien kann er nichts erkennen. Das Theater überfordert ihn - ganz besonders, wenn beim Schlussapplaus wieder alle Schauspieler auf der Bühne stehen. Yasser Mroué verzichtet daher darauf, sich Stücke anzuschauen.

Im Laufe der Jahre lernte er wieder, die Welt zu begreifen. Und nun macht er selbst Theater: In Riding on a cloud erzählt er sein Leben nach. Die beklemmende und doch nie anklagende, stellenweise sogar amüsante Performance erlebte ihre Uraufführung 2013 in Rotterdam; gegenwärtig (bis 15. Mai) ist sie auf Einladung der Wiener Festwochen im Brut Künstlerhaus zu sehen.

Yasser Mroué hatte seinen Bruder gebeten, für ihn arbeiten zu dürfen. So kam der Regisseur Rabih Mroué, der bereits zwei Produktionen bei den Festwochen zeigte, auf die Idee, dessen Schicksal zu thematisieren: Er wählte 20 von über 100 Kurzvideos aus, die Yasser Mroué zwischen 1990 und 2010 gedreht hatte, um sich auszudrücken. Und er ergänzte diese mit einer Biografie, die er zum Teil erfand. Es besteht daher eine Distanz zwischen Yasser Mroué und der Figur gleichen Namens.

Bruchstücke der Erinnerung

Das Setting ist simpel: Yasser Mroué setzt sich an einen Tisch. Er ordnet die Audiokassetten und DVDs zu zwei Stapeln, dann spielt er sie der Reihe nach ab. Mitunter spricht er ein paar Sätze. Auf der Leinwand dahinter sieht man Ausschnitte aus einem Leben: Fotografien, das Kindergartenzeugnis, den Balkon, von dem aus der Schütze schoss, das Klavierspiel mit nur einer Hand, zu Papier gebrachte Gedanken über den Schmerz, Erklärungen zum Bürgerkrieg im Libanon. Die Erzählung ist allerdings nicht linear, manches erschließt sich erst mit der Zeit. Darin liegt das Kunstvolle des 70 Minuten kurzen Abends, der mit einer berührenden Szene der beiden Brüder schließt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Berichtet mit Videos aus seinem Leben: Yasser Mroué.
    foto: joe namy

    Berichtet mit Videos aus seinem Leben: Yasser Mroué.

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