Langsame Regeneration der Lebensader Donau

13. Mai 2014, 21:50
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Durch Flussregulierungen und Kraftwerksbauten haben viele Tiere und Pflanzen entlang der Donau ihren Lebensraum verloren - In Schutzgebieten wird versucht, die Artenvielfalt wiederherzustellen

Wien/Brastislava/Budapest - Der "Friedhof der Namenlosen" beim Alberner Hafen in Wien ist ein hübscher, aber morbid angehauchter Fleck: Hier wurden bis 1940 aus der Donau gefischte Leichen beigesetzt. Hier ist auch der Startpunkt einer Reise durch die Donau-Schutzgebiete in Österreich, Ungarn und der Slowakei, die im Netzwerk Danubeparks zusammengeschlossen sind. Mit Hilfe von zwei Rangern des Nationalparks Donauauen werden zwei große Schlauchboote in den Fluss gehievt. Die Donau führt Niedrigwasser und rinnt sehr gemächlich dahin. Nur ab und zu muss ein bisschen gepaddelt werden.

Auf der Höhe von Schönau erfolgt der erste Landgang, inmitten einer idyllischen Mischung aus üppigem Grün, dunklen Wasserflächen und weißem Kies. Der Treppelweg, auf dem früher Pferde die Schiffe flussaufwärts zogen, wurde an zwei Stellen abgesenkt, einige Traversen wurden geöffnet: So können Hochwasser das Gebiet wieder überschwemmen. Diese reißen unter anderem Pflanzenbewuchs weg und schaffen Kiesbänke. Letztere sind für einige Tier- und Pflanzenarten lebensnotwenig, darunter zwei, die Danubeparks zu Flagship-Arten erkoren hat: die Schwarzpappel und der Flussregenpfeifer.

Die Gene der Schwarzpappel

Die Samen der Schwarzpappel sind nur sechs bis acht Stunden keimungsfähig. In dieser Zeit müssen sie kiesigen, sonnigen Untergrund in Wassernähe finden, auf dem sie gedeihen können. Solche Flächen sind heute aufgrund von Regulierungen und Kraftwerksbauten sehr selten, und so gilt die Schwarzpappel in ganz Mitteleuropa als gefährdet. Zusätzlich macht ihr der großflächige Anbau von Wirtschaftspappelsorten zu schaffen, die ihr die Lebensräume streitig machen. In einem von Danubeparks ins Leben gerufenen Monitoring-Programm wurden Schwarzpappeln entlang der ganzen Donau kartiert. Genetische Untersuchungen sollen außerdem zeigen, inwieweit sie sich mit den eingeführten Sorten kreuzt.

Auch der gefährdete Flussregenpfeifer ist auf vegetationslose Schotter- und Sandflächen angewiesen. Dort legt er seine braun gefleckten Eier in eine Mulde im nackten Kies. Wie gut diese Tarnung ist, zeigt ein künstliches Gelege, das eine Nationalpark-Rangerin auslegt. Man muss zweimal hinschauen, um die Eier von den Kieseln unterscheiden zu können.

In Orth wird die Fahrt mit dem Bus fortgesetzt. Auf dem Weg nach Ungarn liegt das slowakische Kraftwerk Gabcíkovo. 1977 als Teil eines Staustufensystems mit der ungarischen Stadt Nagymaros geplant, ging es 1992 in Betrieb - unter heftigen Protesten Ungarns, das die Arbeiten zu diesem Zeitpunkt bereits eingestellt hatte. Rund 80 Prozent des Donauwassers werden heute in den fast 40 Kilometer langen Kraftwerkskanal umgeleitet. Das Kraftwerk deckt elf Prozent des Strombedarfs der Slowakei.

Als der Kanal geflutet wurde, sanken die Brunnen im nahen Ungarn um bis zu sechs Meter ab, wie Attila Fersch vom Nationalpark Fertö-Hanság erzählt. Das Landschaftsschutzgebiet Szigetköz, die Kleine Schüttinsel, ist ein Vogelbeobachtungsgebiet. Während ein Rohrweihenpaar auf der Suche nach Beute übers Schilf gaukelt und allerorten Drosselrohrsänger rufen, erläutert Fersch die Veränderung, die Gabcíkovo nach sich gezogen hat.

Die Wasserfläche war ursprünglich ein Moorsee, dem mit der Inbetriebnahme des Kraftwerks buchstäblich das Wasser abgegraben wurde. Mithilfe eines eigens gebauten Kanals entstand zwar wieder ein See, aber ein anderer: Statt durch Grundwasser wird er heute durch Oberflächenwasser gespeist, was eine völlig andere Artenzusammensetzung zur Folge hat. Die ursprünglichen Moorarten, wie etwa den seltenen Hundsfisch, gibt es hier nicht mehr.

Auch der stille Donauarm im Szigetköz, den wir auf einem ursprünglich dem Holztransport dienenden Gefährt befahren, war nach Gabcíkovo lange Zeit ausgetrocknet. Nach entsprechenden Maßnahmen steht er nun wieder mit dem Hauptfluss in Verbindung, allerdings mit einem Niveau-Unterschied von mehr als vier Metern. Zu viel für die Fische, die hier zum Laichen flussaufwärts schwimmen, deshalb wurde eine Aufstiegshilfe in Form einer langgezogenen Kurve angelegt. Immerhin kommen im Szigetköz rund 80 Prozent der rund 50 ungarischen Fischarten vor.

Notorischer Wassermangel

Auch die zum slowakischen Landschaftsschutzgebiet Dunajské luhy (Donauauen) gehörende Vel'ky-lél-Insel, die danach auf dem Programm steht, leidet an Wassermangel. Seit den 1980er-Jahren wurden ihre Zu- bzw. Abflüsse teilweise durch natürliche Sedimentablagerungen, teilweise durch gezieltes Zuschütten immer weniger durchlässig.

Eine Fahrt mit einem Traktoranhänger führt an alten Eichen und üppigen Wiesen vorbei - und an einer Baustelle, an der Bagger jede Menge Erde aus dem Weg räumen. Jeden Tag kommen Schaulustige, wie Tomás Kusík, Geschäftsführer von Broz, dem regionalen Naturschutzverband Bratislava, erzählt: Sie freuen sich darauf, wenn sie auf ihrer Insel wieder angeln können, wie früher.

Seit 2009 betreibt Broz hier ein Projekt zum Schutz der ehemaligen Weideflächen, auf denen unter anderem zahlreiche Orchideenarten vorkommen. Damit diese nicht verschwinden, unterhält der Verein eine Herde von 100 Rindern, 200 Schafen und Ziegen sowie 20 Pferden, die diese Areale regelmäßig beweiden und so das Aufkommen von Büschen und Bäumen verhindern. Sowohl die Pferde als auch der Traktoranhänger stehen im Dienste des sanften Tourismus und führen über die Insel.

Mit dem Fahrrad lässt sich die letzte Station der Reise erkunden: die Szentendrei-Insel beim Donauknie bei Visegrád. Von hier kommen rund 70 Prozent des Budapester Trinkwassers. Die jahrtausendealten Schotterablagerungen der Donau, die die Grundlage der Insel bilden, haben eine ungeheure Filterwirkung: Das Wasser ist absolut frei von Keimen und Inhaltsstoffen.

Die Insel ist jedoch nicht nur Wasserschutzgebiet, sondern beherbergt auch zahlreiche seltene Habitate, die unter dem Schutz des Duna-Ipoly-Nationalparks stehen: Ein paar Minuten Radeln führt von extrem trockenen Standorten, an denen Bienenfresser und Uferschwalbe Nistplätze finden, zur sumpfigen Heimat der blauviolett blühenden Sibirischen Schwertlilie. Mit dem Kanu geht es schließlich noch ein Stück die Insel entlang - Graureiher-Sichtungen inklusive. Aber die sind wir mittlerweile schon fast gewöhnt. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 14.5.2014)


Die Reise erfolgte auf Einladung von Danubeparks.

Links
www.danubeparks.org

  • Im Nationalpark Donauauen nahe Schönau schaffen Hochwasser wieder Kiesbänke.
    foto: mária h. kolláth

    Im Nationalpark Donauauen nahe Schönau schaffen Hochwasser wieder Kiesbänke.

  • Renaturiert wurden auch Gewässer nahe dem Kraftwerk Gabcíkovo.
    foto: mária h. kolláth

    Renaturiert wurden auch Gewässer nahe dem Kraftwerk Gabcíkovo.

  • Graureiher und ...
    foto: sendor zeman

    Graureiher und ...

  • ... Flussregenpfeifer sind häufig anzutreffen.
    foto: kern/nationalpark donauauen

    ... Flussregenpfeifer sind häufig anzutreffen.

  • Das Naturschutzgebiet Szigetköz führt vor Augen, wie der Auwald ursprünglich ausgesehen haben mag.
    foto: mária h. kolláth

    Das Naturschutzgebiet Szigetköz führt vor Augen, wie der Auwald ursprünglich ausgesehen haben mag.

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