Selbstwerdung per Webkultur

16. Mai 2014, 18:14
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Über Identität nachdenken: Ein Projekt der FH St. Pölten will eine junge, kreative Community aufbauen

St. Pölten - Eine Youtube-Videoserie über Frauen als Protagonistinnen "extremer Musik", über Vokalistinnen in den traditionell männerdominierten Spielarten der Metal-Szene, über Frauenstimmen, die Death-, Thrash- oder Blackmetal singen, grölen, hinausschreien. Oder die Stücke einer Berliner Künstlerin, aufgewachsen am Meer, die ihre Beschäftigung mit Wind, Sturm, Atem, bewegter Luft in allen Ausformungen, in Musikstücke gegossen hat.

Beide Links im Online-Blog von what-ifblog.net sind Rückmeldungen auf den Aufruf, künstlerischen Input zu liefern, der sich mit Identität, mit Wahlfreiheit im Leben beschäftigt. Die vor kurzem gestartete Homepage ist eines der ersten Produkte des Projekts "TransCoding" an der Fachhochschule St. Pölten, die als erste FH am Programm PEEK (Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste) des Wissenschaftsministeriums teilnimmt.

"Wie kann man junge Leute aktivieren, selbst künstlerisch tätig zu sein?" So laute die Frage, die hinter TransCoding steht, erklärt Projektleiterin Barbara Lüneburg, selbst Violinistin sowie Forscherin und Lehrende an der FH St. Pölten und der Medienhochschule Darmstadt. "Wir haben das Thema Identität gewählt, weil es für Menschen in dieser Altersgruppe besonders wichtig ist, sich mit ihrer Positionierung im beruflichen, künstlerischen und sozialen Kontext zu beschäftigen."

Beeinflusst von ihrer Arbeit mit künstlerisch ambitionierten jungen Leuten möchte sie herausfinden, wie es möglich ist, mit den Mitteln der sozialen Medien eine Community zu schaffen, in der kreative Ausdruckskraft im Mittelpunkt steht.

Das Ich im Blog erklären

Die Zielgruppe der 20- bis 30-Jährigen soll an vertraute mediale Ausdrucksformen einer technisch geprägten Webkultur andocken können. Beispielsweise werden Bloggerinnen und Blogger wie die Künstlerin Anahit Mughnetsyan, die über ihr Verhältnis zu ihrem Heimatland Armenien schreibt, versuchen, die Umstände der Selbstwerdung aufzuschlüsseln. Ein Youtube-Channel versammelt "Miniporträtvideos", zu denen aus der Community passende Kompositionen kommen.

Die Inputs, Texte, Bilder, Videos, Musik, digitale, interaktive Werke, die die Community beisteuern, sollen in eine Multimedia-Show und eine audiovisuelle Installation fließen, die von Lüneburg und ihrem Team erarbeitet werden. "Eine Installation könnte mithilfe des Augmented-Reality-Prinzips zwei Identitäten abbilden, zwischen denen der Betrachter changiert."

Auch die Performance soll Identität über viele verschiedene Anklänge beleuchten: "Die Fragen, wie die Gesellschaft auf männliche oder weibliche Gesten reagiert oder wie Identitäten Temperament-Typen wie Cholerikern oder Melancholikern zugeordnet werden, könnten Thema sein."

Die Genese partizipativer Kunst, die sich zwischen intellektueller und populärer Kultur ansiedeln will, soll eine entsprechende wissenschaftliche Reflexion begleiten: TransCoding biete "einen Perspektivenwechsel von der akademisch-rückblickenden Untersuchung eines Kunstwerkes zu einem Kunstprojekt, in dem die digitale participatory community die Dominanz von professionellem Künstler und akademischer Forschung herausfordert und Durchlässigkeit und gegenseitige Einflussnahme einfordert", schreibt Lüneburg im Abstract zum Projekt.

Der begleitende mediensoziologische und künstlerische Forschungsprozess soll Antworten auf die Fragen geben, wie ein Kunstprojekt in einen gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext eingebettet sein kann, wie die Kreativität in einer Community aktiviert werden kann und auf welchen medialen Inhalten sie fußt: "Wir untersuchen, was Inhalte der Medien (TV, Games, Web, Film, Werbung), welche die Moralvorstellungen und Identitätsentwicklungen formen, für unser Zielpublikum bedeuten." (pum, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Barbara Lüneburg, Violinistin und Kunst-Forscherin an der FH St. Pölten.
    foto: mihai cucu

    Barbara Lüneburg, Violinistin und Kunst-Forscherin an der FH St. Pölten.

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