Ein Hauch zu viel Quecksilber in Sparlampen

18. Mai 2014, 12:00
93 Postings

In Energiesparlampen könnte sich mehr Quecksilber befinden, als die EU erlaubt - Das hat eine neue Messmethode gezeigt

Wien - Was Georg Steinhauser am meisten aufregt, ist, dass es nicht nach einem Fehler, sondern nach Absicht aussieht. "Obwohl man das Problem gekannt haben musste, hat man es ignoriert", sagt er. Laut seinen Untersuchungen könnten Energiesparlampen theoretisch mehr Quecksilber enthalten, als die EU offiziell erlaubt, weil die offizielle Methode zur Messung des Quecksilbergehalts fehlerhaft ist - und das, obwohl den Machern des Gesetzes das Schlupfloch wohl bewusst war. Steinhauser ist Physiker, arbeitete einst am Atominstitut der TU Wien und habilitierte sich nun an der Colorado State University. Bereits in der Dokumentation Bulb Fiction (2012) äußerte er seine Bedenken an der Messmethode, nun hat er sie erstmals überprüft. Seine Arbeit zu den Energiesparlampen wird demnächst im Fachjournal Environmental Science and Pollution Research erscheinen.

Die EU beschloss 2009, den Verkauf konventioneller Glühbirnen zu verbieten, an ihrer Stelle werden seither vor allem sogenannte Kompaktleuchtstoff-Lampen verkauft, besser bekannt als Energiesparlampen. Diese Lampen benötigen zwar nur etwa ein Fünftel so viel Strom wie Glühbirnen - brauchen aber, um zu funktionieren, eine kleine Menge an Quecksilber. Laut EU-Gesetz sind bis zu 3,5 Milligramm pro Lampe erlaubt.

Das Gesetz empfiehlt auch, wie gemessen werden soll, wie viel Quecksilber in den Lampen ist: Die Lampe wird unter einem Abzug zerschnitten, die Teile werden mit Säure gespült und die Säure anschließend auf ihren Quecksilbergehalt analysiert. Das Problem: Eine bestimmte Menge Quecksilber in der Lampe ist gasförmig - und entweicht daher bei der Methode ungemessen.

"Man könnte überspitzt sagen, das wäre, als wolle man den Heliumgehalt eines Luftballons dadurch bestimmen, dass man den Ballon zuerst zerplatzen lässt und dann die Hülle analysiert", sagt Steinhauser. Gemeinsam mit zwei Kollegen machte er seine eigenen Untersuchungen mit den Lampen: Er bestrahlte sie im Testreaktor der TU im Wiener Prater mit Neutronen, um sie radioaktiv zu machen und so auch das flüchtige Quecksilber messen zu können. Das Ergebnis: Die tatsächliche Menge des Schwermetalls in den Lampen kann bis zu acht Prozent über jener liegen, die mit der EU-Testmethode ermittelt wird.

Eine Frage der Qualität

Wie groß der Messfehler aufgrund der Methode ist, hängt dabei von der Raumtemperatur und der Qualität der Lampen ab: Je wärmer, desto mehr Quecksilber befindet sich in einem gasförmigen Zustand, und in billigen Lampen scheint mehr freigesetzt zu werden als in qualitativ hochwertigen Produkten. "Das ist ein vermeidbarer, systematischer Fehler zuungunsten des Konsumenten", sagt Steinhauser. Das Problem sei leicht zu beheben, indem man einen Temperaturfaktor in den Test einführt: Je nach Labortemperatur muss eine bestimmte Menge an Quecksilber dazugerechnet werden.

"Wieso sagt die EU-Vorschrift außerdem, man solle die Zerstörung der Lampe in einem Abzug vornehmen? Offenbar war man sich der Freisetzung gefährlicher Stoffe bei diesem Schritt bewusst - sonst würde diese Sicherheitsmaßnahme keinen Sinn ergeben."

Ob diese Entdeckung tatsächlich auf eine Gefahr aufmerksam macht, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. "Wir reden hier über Messfehler, die etwa in der Größenordnung des Quecksilbergehalts einer Fischmahlzeit liegen", sagt Rüdiger Paschotta, ehemals Physiker an der ETH Zürich und Autor der Webpage www.energie-lexikon.info. "Die meisten Lampen unterschreiten ohnehin den gesetzlichen Grenzwert erheblich, und wenn eine Lampe einmal doch etwas mehr Quecksilber enthalten würde, hätte das keinerlei toxikologische Relevanz."

Umweltschutzbedenken

Zudem würde der Einsatz der quecksilberhaltigen Lampen immer noch die Gesamtmenge an Quecksilber senken, die durch Menschen freigesetzt wird: Bei der Stromerzeugung in Kohlekraftwerken werden größere Mengen des Schwermetalls freigesetzt. Weil die Energiesparlampe nur ein Fünftel so viel Strom braucht wie die Glühbirne - und also weniger Strom erzeugt werden müsse -, sinke der Gesamt-Quecksilberausstoß, argumentieren Befürworter.

Steinhauser will nicht behaupten, dass eine einzelne Lampe eine Gefahr darstellt: "Uns geht es um Umweltschutzbedenken rund um die Fabriken und eine mögliche Gesundheitsgefahr für die Arbeiter in manchen der Länder, in denen die Lampen produziert werden", sagt er. "Wir outsourcen über das Quecksilberproblem unser Problem mit dem Klimawandel." Zudem werden nicht alle Lampen fachgerecht entsorgt: In Österreich werden laut Umweltministerium etwa 66 Prozent der gekauften Lampen auch wieder zum Recycling gebracht.

Steinhauser und seine Kollegen fordern die EU auf, ihre vorgeschriebene Methode zu ändern, wenn das Energiesparlampengesetz heuer im EU-Parlament evaluiert wird. Das Problem könnte auch auf andere Weise verschwinden: Europäische Hersteller gehen davon aus, dass LED-Lampen, die ohne Quecksilber auskommen, bis 2020 deutlich billiger werden und einen Marktanteil von 60 Prozent erreichen werden. Und deutsche Forscher arbeiten seit einigen Jahren daran, quecksilberfreie Energiesparlampen auf den Markt zu bringen. Seit 2013 gibt es zumindest die ersten Prototypen. (Tobias Müller, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Tief in die Birne geschaut: Der Physiker Georg Steinhauser hat Bedenken bezüglich der Quecksilbermessmethoden der EU - jetzt hat er sie auf eigene Faust überprüft.
    foto: apa/woitas

    Tief in die Birne geschaut: Der Physiker Georg Steinhauser hat Bedenken bezüglich der Quecksilbermessmethoden der EU - jetzt hat er sie auf eigene Faust überprüft.

Share if you care.