Parfum-Experte Frédéric Malle: "Lust auf Sex machen"

Interview18. Mai 2014, 12:00
56 Postings

Frédéric Malle ist einer der schillerndsten Namen in der Parfumwelt - Im Interview erklärt er, warum Waschmittelhersteller die Parfumindustrie verdorben haben und was er anders macht

STANDARD: Ihr Großvater war der Gründer der Christian-Dior-Parfums, und Ihre Mutter übernahm dort später die Leitung. Eine gute Basis für eine Karriere in der Parfumindustrie, oder?

Frédéric Malle: Ich beschäftige mich mit Parfums, seit ich denken kann. Als ich zur "École de Parfumerie" ging, kannte ich bereits den gesamten Markt. Ich hatte das Glück, in einem sehr inspirierenden Umfeld aufzuwachsen. Mein Vater produzierte die Filme meines Onkels, des Regisseurs Louis Malle.

STANDARD: Worauf achten Sie zuerst, wenn Sie einer Person begegnen: auf ihr Aussehen oder ihr Parfum?

Malle: Eine Frau, die Parfum trägt, ist für mich spannender als eine, die es nicht tut. Früher habe ich versucht, Mädchen, die mir gefielen, zu beeindrucken, indem ich ihr Parfum erriet. Mit der Nummer hatte ich meistens Erfolg. (lacht) Heute wäre ich dazu nicht mehr in der Lage.

STANDARD: Weil es zu viele Düfte auf dem Markt gibt?

Malle: Damals gab es ein neues Parfum alle drei bis fünf Jahre. Heute wird alle paar Monate ein neues Eau de Parfum, Voile de Parfum, Eau de Toilette gelauncht. Da blickt keiner mehr durch. Deswegen kaufen die Leute auch immer weniger.

STANDARD: Sollten Ihrer Meinung nach weniger Parfums gelauncht werden?

Malle: Das wird ganz von allein passieren. Im Moment brechen sich ja alle das Genick auf dem Markt.

STANDARD: Warum lief es früher besser?

Malle: Es gab Boutiquen, die eine Verbindung zwischen Parfum und Käuferin hergestellt haben. Mit der Einführung der großen Self-Service-Ketten wie Douglas oder Sephora war das vorbei. Man braucht jetzt sogenannte "crowd pleasers", eine einheitliche Suppe, die ein bisschen blumig, ein bisschen holzig und ein bisschen nach Vanille riecht. Darin findet jeder etwas, das ihm gefällt.

STANDARD: Es scheint aber zu funktionieren, die Leute kaufen diese Düfte ...

Malle: Ja, aber es wird niemals ihr Fetischparfum, das sie über Jahre tragen und um nichts in der Welt austauschen würden. Die Marken müssen ständig neue Events kreieren, um die Leute wieder zum Kauf zu animieren.

STANDARD: Im Jahr 2000 gründeten Sie Ihr eigenes Label. Warum?

Malle: Es war die Zeit, als große Unternehmen wie Procter & Gamble in die Parfumindustrie einstiegen. Waschmittelhersteller haben auf einmal angefangen, Düfte zu machen, das war das Ende der Kreativität. Parfümeure langweilten sich damals zu Tode. Ich wollte ein Haus gründen, das diesem Trend entgegenläuft.

STANDARD: Was machen Sie anders?

Malle: Ich vergleiche meine Arbeit mit der eines Verlegers. Bei mir stehen der Parfümeur und die Kreation im Vordergrund, nicht eine Marke. Ich habe mich schon immer mehr für die "Nasen" interessiert als für irgendein Label. Dass die meisten Häuser so tun, als ob sie ihre Parfums selbst herstellen, finde ich sehr befremdlich. Die Namen der Autoren werden einfach verschwiegen.

STANDARD: Ihre Parfümeure genießen kreative Freiheit, damit haben Sie die größten Namen der Branche für sich gewinnen können: Edmond Roudnitska, Jean-Claude Ellena oder Dominique Ropion.

Malle: Durch meinen Background hatte ich von Anfang an den Vorteil, alle Leute aus der Branche zu kennen. Heute ist es für mich schwieriger, neue und gute Parfümeure zu finden. Manche haben sogar Angst, mit mir zu arbeiten. Ein Briefing zu bekommen, in dem steht: "Machen Sie mir eine Formel wie: Dior J'adore", ist nun mal einfacher als ein weißes Blatt. Grenzenlose Freiheit kann beängstigend sein.

STANDARD: Wie haben Sie es geschafft, sich gegen die enorme Konkurrenz durchzusetzen?

Malle: Für mich stellt sich eher die Frage, wie es die anderen schaffen, mit dem, was sie machen, erfolgreich zu sein. Mit Parfums, die für mich keine Parfums sind. Wir leben in einer leidenschaftslosen Gesellschaft, die sich viel zu einfach von großen Werbekampagnen manipulieren lässt.

STANDARD: Mit Ihrem neuen Duft "Eau de Magnolia" haben Sie bereits 20 Parfums im Sortiment. Verfolgen Sie dabei einen roten Faden?

Malle: Ich suche Formeln, die präzise sind. Das ist wie bei Texten: Wenn es zu viele Wiederholungen gibt, macht das Lesen keinen Spaß. Es gibt da ein schönes Zitat von Madame de Maintenon aus einem Brief an ihre Tochter: "Ich schreibe dir heute einen langen Brief, da ich für einen kurzen keine Zeit habe." Das trifft es ziemlich gut.

STANDARD: Was macht ein gutes Parfum für Sie sonst noch aus?

Malle: Düfte müssen Lust auf Sex machen. Wenn ein Parfum richtig gut ist, dann will ich sofort mit der Person schlafen. (lacht)

STANDARD: Was halten Sie von dem Trend, immer mehr auf natürliche Inhaltsstoffe zu setzen?

Malle: Natürliche Parfums sind ein absoluter Irrglaube. Auch die Essenz einer Blume wird mit einem Lösungsmittel hergestellt und ist somit nicht völlig natürlich. Diese Extrakte duften außerdem niemals wie die Blume selbst, dafür sind sie zu komplex. Synthetische Stoffe sind da sehr viel präziser. Wenn man nur natürliche Inhaltsstoffe verwendet, erhält man selten einen guten Duft.

STANDARD: Aber sind natürliche Stoffe nicht besser verträglich für die Haut?

Malle: Im Gegenteil. Sie sind viel öfter verantwortlich für Allergien als synthetische. Pollen kommen schließlich auch aus der Natur. Ich will natürliche Stoffe nicht verteufeln, wir verwenden sie sogar mehr als alle anderen, da wir eine Technik entwickelt haben, durch die sie präziser werden. Trotzdem geht es mir auf die Nerven, dass natürliche Produkte so verherrlicht werden. (Estelle Marandon, Rondo, DER STANDARD, 16.5.2014)

Zur Person:Frédéric Malle (geb. 1962) arbeitet seit seiner Jugend im Parfumbereich. Im Jahr 2000 gründete er seine "Editions de Parfums". Mit dieser Parfumreihe holt er Parfümeure aus der Anonymität. Seine Parfums sind weltweit in exklusiven Verkaufsstellen zu haben.

www.fredericmalle.com

  • Frédéric Malle: "Ich suche Formeln, die präzise sind."
    foto: brigitte lacombe

    Frédéric Malle: "Ich suche Formeln, die präzise sind."

  • Eau de Magnolia hat Parfümeur Carlos Benaïm kreiert.
    foto: hersteller

    Eau de Magnolia hat Parfümeur Carlos Benaïm kreiert.

Share if you care.