Hochbeete: Einstiegsdroge aller Erdjunkies

Kolumne20. Mai 2014, 18:05
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Wo eines steht, stehen bald mehr - Doch wer soll die vielen Kisteln dann mit Erde füllen? Gregor Fauma warnt vor Schaufelsucht

Kinder, lest weg, was jetzt kommt, ist nichts für euch! Wer damals mit vierzehn, fünfzehn Jahren erstmals einen Doppler im schattigen Eck des Clubheims an die Lippen gesetzt hat, der nennt nun, gut 25 Jahre später, einen feinsortierten Weinkeller sein Eigen. Der Doppler als Einstiegsdroge, so kann man das auf den Punkt bringen.

Einstiegsdrogen eröffnen dem Konsumenten Welten. Sie machen Lust auf mehr und erzeugen diese wohlige, innere Unruhe beim Informieren über und beim Beschaffen von stärkeren Dosen. Fachliteratur wird angekauft, Fachgeschäfte werden frequentiert und Internetforen studiert - alles nur, um den Durst nach mehr zu stillen. Das ist bei Hochbeeten nicht anders.

Infiziert & verloren

Wer sich einmal aus einer Laune heraus, womöglich provoziert von interhibernalem Sonnenschein, sein erstes Hochbeetset gekauft und zusammengesteckt hat, ist bereits hochgradig infiziert, ja, wenn nicht sogar verloren.

So soll ein Gartler in Wien unlängst sein erstes Hochbeet erstanden, aufgebaut und mit Erde gefüllt haben. Das Wochenende darauf standen bereits zwei weitere Hochbeete daneben, auf Linie wie mit einem Lineal gezogen. Kurz darauf sah man ihn wieder Bretterbündel schwitzend in den Garten tragen, um dort zwei weitere Hochbeete in Reih und Glied mit den anderen aufzubauen. Hochbeetset Nummer sechs liegt mittlerweile in seinem Vorgarten und wartet auf seine Bestimmung.

Der Mann ist nicht mehr zu retten. In der Nachbarschaft wird schon gemunkelt, dass er ziemlich schlecht "beinand" sei. Blass und krumm sehe er aus, wie dem Verfall preisgegeben. Typischer Erdjunkie, notiert hier der Feuilletonist. Erst wenn er sich wirklich nicht mehr rühren kann, wird sein Verlangen ein Ende finden. Erst dann erlischt die Sucht, um womöglich durch eine neue - Gartenreisen? - substituiert zu werden.

Gut dokumentiert

Der körperliche Verfall beim Hochbeetbau ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Raised, Beds et al. bewiesen 1972 in ihrer bahnbrechenden Studie "Shoveled to death", dass die Lust am Hochbeetbau mit der Fähigkeit, Erdreich tonnenweise zu bewegen, hochsignifikant negativ korreliert. Das heißt nichts anderes, als dass Schwächlinge die höchsten Beete bauen wollen. Wie auch immer.

Wer ein Hochbeet mit den Maßen ein Meter mal ein Meter mal siebzig Zentimeter aufstellt, muss rund 650 Liter Erde hineinschaufeln. Dafür Lehmerde zu verwenden ist eine ganz schlechte Idee: Sie wiegt pro Liter gern einmal zwei Kilogramm, für sechs Hochbeete müsste man dann sogar rund fünf bis sechs Tonnen Erdreich schaufeln.

Also, Kinder, falls ihr entgegen der Empfehlung doch weitergelesen habt, wisst ihr nun, wohin Süchte führen können. Wehret den Anfängen, seid auf der Hut, cave canem - aber vor allem: Meidet die Hochbeete! (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 16.5.2014)

Tipp zum Hochbeet:
Auf den Boden kommen Astwerk, Stängelzeug und Grünabschnitte. Die verbrauchen schon einmal viel Volumen und sind der Kompost von übermorgen. Darüber kommt dann fette, schwere Lehmerde: Die speichert ganz wunderbar das Wasser. Über diese schichtet man dann einen gut dreißig Zentimeter tiefen Horizont besten Komposts. Zuletzt empfiehlt sich ein Stratum Spezialerde für Gemüse oder Blumen.

  • Warnung vor der Schaufelsucht!
    foto: reuters/griffith

    Warnung vor der Schaufelsucht!

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