Was Heterosexuelle gegen Homophobie tun können

Leserkommentar13. Mai 2014, 16:28
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Ein Schüler schildert seine Erfahrungen mit Homophobie im Alltag

Für mich bedeutet der Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest viel: Homophobie begleitet mich durch den Alltag in Schule, Familie und Sport. Ich selbst bin nicht homosexuell. Ein guter Freund von mir ist es aber. Er ist älter als ich, ich kenne ihn auch nicht lange. Ich habe ihn bei einem Schulprojekt kennengelernt. Vorrangig als Menschen, nicht als Homosexuellen. Und er hat mich sofort beeindruckt. Seine Intelligenz und Geduld haben mich von Anfang an fasziniert.

Persönliche Erfahrung

Er selbst kam in einer kurzen Pause auf mich zu. Er habe bemerkt, wie begeistert ich vom Projekt wäre. Wir begannen zu reden: über die Politik, über Österreich, über mich. Per Mail wurde in den folgenden Wochen Kontakt aufgenommen. Er wohnt weit weg von meiner Schule, ein Treffen musste also längere Zeit warten, doch es kam zu Stande. Es war ein schönes Gespräch. Wieder waren die Themen die gleichen: Politik, Österreich, ich. Irgendwann atmete er dann tief durch und erzählte mir von sich: Er sei schwul. Er möchte es mir sagen, denn er ist schon älter als ich, viel älter.

Habe ich ein Problem mit Schwulen?

Und es sei recht leicht herauszufinden, dass er schwul sei. Deswegen sagt er es mir einfach, nicht dass der Eindruck erweckt wird, er sei sexuell an mir interessiert. Er glaubt nicht, dass ich damit ein Problem habe, damit, dass er schwul ist. Ich sage: Nein, ich habe kein Problem. Doch in mir drinnen fühle ich anders. Hätte ich das bemerken sollen? Denke ich nun an etwas anderes, wenn ich an ihn denke? Wage ich es überhaupt noch, an ihn zu denken, der mich doch intellektuell so beeindruckt? Ist das nicht irgendwie: Schwul?

Ich selbst habe an mir gezweifelt, ich habe in der selben Nacht noch heulen müssen. Am nächsten Tag bin ich früh aufgestanden, ich war lange mit dem Rad unterwegs, im Wald habe ich begonnen nachzudenken. Nach zwei bis drei Stunden bin ich dann zuhause angekommen und ich habe ihm eine neue Mail geschrieben. Ich habe versucht zu vertuschen, dass ich vielleicht doch ein Problem mit seiner Homosexualität habe, ich habe diese Mail so freundlich und fröhlich geschrieben wie noch kein Mail zuvor. Ich habe einen schwulen Freund, doch ich bin nicht schwul.

Schwul als Schimpfwort

Am Anfang war das für mich eine Last. Doch die Last wurde zu einer Chance. Ich habe begonnen "schwul" nicht mehr als Schimpfwort zu verwenden, wie es bei Österreichs Jugend üblich ist. In den Klassenzimmern Österreichs wird diese Bezeichnung für Homosexuelle gedankenlos jedem an den Kopf geworfen, der einem nicht ganz geheuer ist. Mit echter Homosexualität hat das im Regelfall weniger zu tun. "Schwule", das sind unter Österreichs Schülern pathetische, arrogante oder heuchlerische Menschen.

Ich habe versucht das anzusprechen. Ich habe viele Leute nach deren Meinung gefragt. Besonders eine Antwort kam immer wieder: Wenn man wüsste, dass ein Schwuler in der Nähe wäre, dann würde man bestimmt nicht "schwul" als Schimpfwort verwenden. Doch solange keiner in der Nähe ist, solange ist das ja egal. Und überhaupt, wieso versuche ich da gerade jemand anderem ein bestimmtes Wort zu verbieten. Meine Antwort war, ich will niemandem etwas verbieten. Wenn du unbedingt meinst, dass das richtig ist, dann verwende "schwul" eben als Beschimpfung.

Verhinderte Outings

Aber ich will dich aufmerksam machen, mit jedem Mal "schwul" schimpfen, beschimpfst du jeden einzelnen, der auch tatsächlich schwul ist. Und woher will man denn wissen, wer schwul ist und wer nicht? Verschreckt man nicht mit jedem Mal, mit dem man "schwul" als Beleidigung verwendet, Homosexuelle? Macht man sie nicht mit jedem Mal mehr darauf aufmerksam, dass ein Outing nicht gewünscht ist? Dann hätten wir ein Outing verhindert, dann müsste ein Mensch mehr in eine Rolle schlüpfen, anstatt selbst sein zu können. Das Argument kam gut an.

Ich habe also versucht, zu argumentierten ich habe versucht, Homophobie zu bekämpfen. Und schon war ich selbst im Kreuzfeuer. Ich bin doch wahrscheinlich selbst schwul, hat es geheißen und heißt es auch heute noch, wenn ich dieses Problem anspreche. Anfangs hat mich das noch gestört. Ich habe ausweichend reagiert, oft auch dem Homophoben nach einer kurzen Diskussion recht gegeben um nicht selbst zu wirken wie ein Homosexueller. Wer Homophobie bekämpft, der ist doch selbst ein Schwuler, heißt es. Heute antworte ich auf solche Angriffe nur mehr ganz kurz, nein ich sei nicht schwul, aber ich kann doch trotzdem etwas für Schwule tun.

Bezeichnend war auch, als mein Freund vom Anfang mir erzählt hatte, er sei homosexuell. Eine kurze Internet-Recherche würde ja ergeben, er sei bei den SoHo aktiv, den sozialdemokratischen Homosexuellen. Das soll schon ausreichen, um schwul zu sein? Die Solidarität bestimmt unser Österreich seit Jahrhunderten. Die Österreicher,  jene, die besonders viel für die Arbeiter geleistet haben, waren selbst meist Intellektuelle oder Unternehmer. Viktor Adler hat ebenso wenig Zeit in einem Ziegelwerk verbracht wie Bruno Kreisky in einem Stahlwerk. Trotzdem, sie haben sich mit dem Proletariat solidarisiert, sie haben die Arbeiter aus dem Dreck geholt. Warum dürfen Heterosexuelle dann nicht auch Homosexuelle aus dem Dreck ziehen?" (Leserkommentar, Micha Pesseg, derStandard.at, 13.5.2014)

Micha Pesseg (17) lebt in Loipersbach (NÖ). Dieser Text erschien auch auf seinem Blog.

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