Studie: Eisschmelze in der Westantarktis womöglich bereits unumkehrbar

Video13. Mai 2014, 12:52
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Sechs untersuchte Gletscher fließen schneller als vermutet - Ihr Abschmelzen könnte die Ozeane um 1,2 Meter ansteigen lassen

London/Wien – Lange schien es, als ob die globale Erwärmung dem ewigen Eis der Antarktis aufgrund lokaler Klimaphänomene noch verhältnismäßig wenig anhaben könnte. Doch in jüngster Zeit häufen sich Studien, die nichts Gutes aus dem Süden verheißen.

Die Westantarktis, also das Gebiet südlich von Südamerika, gilt schon seit einiger Zeit als Risikogebiet. Doch die Ergebnisse der zwei neuesten Untersuchungen übertreffen alle bisherigen Befürchtungen: Die westantarktische Eisschmelze könnte zu unumkehrbaren Kettenreaktionen führen, die das Meeresniveau langfristig um bis zu 1,2 Meter ansteigen lassen.

Ein NASA-Forscherteam um Eric Rignot (University of California in Irvine) rekonstruierte in einer der beiden Studien den Rückgang aller sechs großen westantarktischen Gletscher an der Amundsen-See. Die Glaziologen verwendeten für ihre Untersuchungen Daten und Aufnahmen, die in den vergangenen Jahrzehnten von Satelliten, aus Flugzeugen und von Schiffen aus gesammelt wurden. Dabei zeigte sich unter anderem, dass sich der Pine-Island-Gletscher zwischen 1992 und 2011 um nicht weniger als 32 Kilometer zurückzog.

Unumkehrbarer Rückgang

Das Gesamtbild, das die Forscher aus den Daten zusammensetzen, sieht nicht gut aus. Wie sie in den "Geophysical Review Letters" schreiben, sind die Fließgeschwindigkeiten der westantarktischen Gletscher in den vergangenen 40 Jahren zum Teil dramatisch angestiegen. "Ein großer Teil der Eiskappe in der Westantarktis ist in einem Stadium des unumkehrbaren Rückzugs", so Eric Rignot. Vor allem befürchten die Forscher, dass ein Abschmelzen eine Kettenreaktion in der Westantarktis auslösen könnte, weil dadurch weitere Eispartien destabilisiert würden.

In einer zweiten Studie, die zeitgleich im Wissenschaftsmagazin "Science" erschien, hat ein Team um Ian Joughin (Universität Washington) einen anderen dieser sechs Gletscher unter die Lupe genommen: den Thwaites-Gletscher, bei dem sich die Auswirkungen der Erderwärmung bisher nicht so auffällig zeigten wie beim Pine-Island-Gletscher. Das liegt auch daran, dass der Thwaites-Gletscher aus einem riesigen Bassin in Richtung Meer fließt – und sehr viel mehr Wasser speichert.

Eine Auswertung topografischer Daten und Computermodelle hat laut Joughin ergeben, dass sich das Abschmelzen des Thwaites-Gletschers in den nächsten Jahrhunderten aufgrund der Gegebenheiten des Meeresbodens rapide beschleunigen könnte. Kommt es zu einem vollständigen Abschmelzen, würde allein dadurch das Meeresniveau um 61 Zentimeter steigen.

Für die US-Wissenschafter ist damit offensichtlich, dass einige Prognosen zu den Auswirkungen des Klimawandels einer Revision bedürfen. Das Steigen des Meeresspiegels dürfte vor allem nach dem 21. Jahrhundert um einiges dramatischer ausfallen als zuletzt vom Weltklimarat befürchtet.


Video: Das Abschmelzen des westantarktischen Eisschildes ist offenbar unaufhaltsam. (Quelle: Nasa/Youtube)

Beschleunigter Anstieg

Aktuell steigt der Meeresspiegel um bloß rund drei Millimeter pro Jahr. Das meiste davon geht auf die Ausdehnung des wärmeren Meereswassers zurück. Der Rest stammt von den abtauenden Gletschern in aller Welt, vor allem auf Grönland und der Antarktis. Auch im 21. Jahrhundert wird sich die Lage noch nicht dramatisch ändern: So würde der Thwaites-Gletscher bis 2100 nur rund 2,5 Zentimeter zum Anstieg des Meeresniveaus beitragen.

Doch danach dürften sich die Ereignisse rapide beschleunigen. Wie schnell, das sei noch unklar. Sie rechnen jedenfalls damit, dass allein das Abschmelzen der sechs westantarktischen Gletscher den Meeresspiegel um 120 Zentimeter erhöhen würden – in zwei bis spätestens neun Jahrhunderten. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 14.05.2014)

  • Thwaites-Gletscher enthält enorme Eismassen. Die entsprechende Wassermenge würde die Ozeane um 60 Zentimeter ansteigen lassen.
    foto: reuters/nasa

    Thwaites-Gletscher enthält enorme Eismassen. Die entsprechende Wassermenge würde die Ozeane um 60 Zentimeter ansteigen lassen.

  • Die sechs untersuchten westantarktischen Gletscher bilden nur einen Teil des antarktischen Eisschildes - und doch könnte sein Abschmelzen für einen Anstieg der Meere um 1,2 Meter sorgen.
    illu.: nasa/gsfc/svs

    Die sechs untersuchten westantarktischen Gletscher bilden nur einen Teil des antarktischen Eisschildes - und doch könnte sein Abschmelzen für einen Anstieg der Meere um 1,2 Meter sorgen.

  • Die Illustration zeigt die Topografie der Westantarktis: Braune Regionen liegen unter dem Meeresniveau, grüne darüber. Die gelben Linien markieren die hypothetische Wasserlinie.
    illu.: nasa/gsfc/svs

    Die Illustration zeigt die Topografie der Westantarktis: Braune Regionen liegen unter dem Meeresniveau, grüne darüber. Die gelben Linien markieren die hypothetische Wasserlinie.

  • Die Fließgeschwindigkeiten der Gletscher sind in den letzten 40 Jahren stark angestiegen: Je größer die Geschwindigkeitszunahmen, umso dunkler der Rotton.
    illu.: nasa/gsfc/svs

    Die Fließgeschwindigkeiten der Gletscher sind in den letzten 40 Jahren stark angestiegen: Je größer die Geschwindigkeitszunahmen, umso dunkler der Rotton.

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