Viele Alltagschemikalien können männliche Fruchtbarkeit schädigen

13. Mai 2014, 12:17
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Neues Testverfahren weist erstmals die Folgen hormonell wirksamer Chemikalien für menschliche Spermien nach

Bonn/Kopenhagen - Eine Gruppe deutscher und dänischer Forscher haben in Produkten wie Sonnencremes oder Zahnpasta dutzende Stoffe identifiziert, die menschliche Spermien schädigen können. Laut der im Fachmagazin "EMBO Reports" erschienenen Studie beeinträchtigen diese Substanzen die Fruchtbarkeit von Männern.

Allgegenwärtige Substanzen

Hormonell wirksame Chemikalien, sogenannte endocrine disrupting chemicals, sind eigentlich allgegenwärtig in Lebensmitteln, Plastikflaschen, Textilien, Haushaltsprodukten, Kosmetika und Spielzeug. Bisher lagen allerdings noch keine verlässlichen Studien über die schädliche Wirkung der Substanzen auf den Menschen vor. Das lag vor allem daran, dass keine geeigneten Testsysteme existierten. Das Team vom Centre of Advanced European Studies and Research (caesar) in Bonn entwickelte nun ein Verfahren, mit dem die Wirkung auf menschliche Spermien zuverlässig und schnell untersucht werden kann.

In der Studie wurden rund 100 endocrine disrupting chemicals getestet. Etwa 30 davon stören den Kalzium-Haushalt der Spermien, darunter Bestandteile von Sonnenschutzmitteln wie 4-Methylbenzylidencampher (4-MBC), der Kunststoff-Weichmacher Di-n-butylphthalat (DnBP) sowie das antibakteriell wirkende Triclosan, das in Zahnpasta und Kosmetika enthalten ist.

Spermien-Schwimmverhalten beeinträchtigt

Die Wissenschafter untersuchten die Wechselwirkung zwischen den Substanzen und einem Ionenkanal (cation channel of sperm; CatSper), der die Kalzium-Konzentration in Spermien kontrolliert. Bei Konzentrationen, die man auch im menschlichen Körper findet, öffnen die Substanzen den CatSper-Kanal und Kalzium strömt in die Zelle. Dieser Eingriff in den Kalzium-Haushalt ändert das Schwimmverhalten der Spermien und führt dazu, dass Enzyme freigesetzt werden, die Spermien normalerweise helfen, die schützende Hülle der Eizelle zu durchdringen.

Das Schwimmverhalten und die Enzym-Freisetzung werden durch Progesteron und Prostaglandine gesteuert – weibliche Hormone im Eileiter. Die Alltagschemikalien imitieren die Wirkung von Progesteron und Prostaglandinen und führen dazu, dass Spermien weniger empfindlich auf diese Hormone reagieren. Die Ergebnisse der deutsch-dänischen Studie deuten darauf hin, dass die endocrine disrupting chemicals den Befruchtungsvorgang durcheinander bringen: Die Substanzen könnten die Navigation der Spermien hin zur Eizelle stören oder die Spermien daran hindern die Eihülle zu durchdringen.

Die Forscher untersuchten auch die Wirkung von endocrine disruptor-Cocktails, die verschiedene Substanzen in geringer, kaum wirksamer Konzentration enthalten; ähnliche Cocktails lassen sich im Blut nachweisen. Dabei zeigte sich, dass die endocrine disruptor-Cocktails - trotz der kaum wirksamen Konzentrationen der einzelnen Komponenten - große Kalzium-Antworten in Spermien auslösten.

Basis für neue Regelungen

"Unsere Studie bringt wissenschaftliche Beweise, um bei der Aufstellung internationaler Regeln und Praktiken zu helfen", erklärte Strünker. Er wies mit seinem Team erhöhte Kalziumwerte in den Spermien nach, die deren Beweglichkeit verändern und es ihnen erschweren, die Hülle um die Eizelle zu durchdringen.

Manche Wissenschafter bleiben skeptisch, ob sich die Laborergebnisse tatsächlich auf Menschen übertragen lassen. Die Resultate müssten nun in einem nächsten Schritt bei Tierversuchen bestätigt werden, schrieb etwa der Londoner Wissenschafter Colin Berry. (APA/red, derStandard.at, 13.05.2014)

  • Hormonell wirksame Chemikalien sind allgegenwärtig, etwa in Lebensmitteln, Plastikflaschen, Textilien, Haushaltsprodukten, Kosmetika und Spielzeug.
    foto: ap

    Hormonell wirksame Chemikalien sind allgegenwärtig, etwa in Lebensmitteln, Plastikflaschen, Textilien, Haushaltsprodukten, Kosmetika und Spielzeug.

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