Pisa-Studie: Experten warnen in offenem Brief vor negativen Folgen

13. Mai 2014, 11:24
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Internationale Forscher und Lehrer warnen vor "irreparablem Schaden" durch Messung von vielfältigen Bildungstraditionen mit einem "engen und einseitigen Maßstab"

Wien Internationale Bildungswissenschafter, Lehrerausbildner, Lehrer und Elternvertreter haben in einem offenen Brief Pisa-Erfinder Andreas Schleicher von der OECD vor den negativen Folgen der Bildungsvergleichsstudie auf die Schulsysteme gewarnt, wie die "Krone" berichtet. Der Brief wurde u.a. von Bildungswissenschafter Stefan Hopmann und Philosoph Konrad Paul Liessmann (beide Uni Wien) unterzeichnet.

Neben knapp 140 Erstunterzeichnern haben sich in einer Petition bisher rund 600 Personen dem von Heinz-Dieter Meyer von der State University of New York und Katie Zahedi, Direktorin der New Yorker Linden Ave Middle School, initiierten Schreiben angeschlossen. Darin kritisieren sie den Fokus der Studie auf wirtschaftlich verwertbares Wissen, wodurch die Vorstellung von Bildung "in gefährlicher Weise verengt" worden sei. "Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen und -kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden."

Verfasser fordern Alternativen

Die Bildungspolitik habe im Gefolge von Pisa ihre Aufmerksamkeit auf kurzfristige Maßnahmen verlagert, obwohl nachhaltige Veränderungen Jahrzehnte bräuchten; gleichzeitig sei die OECD Allianzen mit multinationalen, profitorientierten Unternehmen eingegangen, "die bereitstehen, um aus jedem von Pisa identifizierten - realen oder nicht realen - Bildungsdefizit Profit zu schlagen". Pisa habe außerdem zu einem dramatischen Anstieg an Tests geführt, bei denen die Leistung von Schülern, Lehrern und Schulleitern aufgrund von Testergebnissen bewertet würden, "die weithin als ungenau bekannt sind".

Die Verfasser des Briefes fordern eine "Besinnungspause", in der über Verbesserungsmöglichkeiten nachgedacht werden soll. Ihre Vorschläge: Alternativen zu Rankings, in denen Industrienationen mit Entwicklungsländern mir Kinderarbeit verglichen werden, Einbindung aller relevanten Akteure (u.a. Eltern, Lehrer, Wissenschafter), unabhängige internationale Beobachterteams sollen die Durchführung der Studie überwachen und die Kosten der Studie veröffentlicht werden, so dass die Steuerzahler der Mitgliedsstaaten über eine weitere Teilnahme entscheiden und eine "alternative Verwendung der Millionenausgaben" erwägen können.

Zumindest Österreich dürfte eine solche "Besinnungpause" 2015 ohnehin bevorstehen: Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hatte nach einem angeblichen Datenleck beim zuständigen Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) die Vortests zur Pisa-Studie mit der Begründung gestoppt, dass die Datensicherheit nicht gewährleistet sei. Die für das Frühjahr 2014 geplanten Vortests sind Voraussetzung für eine Teilnahme an der eigentlichen Studie. Allerdings hat die Ministerin zuletzt wiederholt betont, dass sie im Gespräch mit der OECD sei und großes Interesse an einer Lösung habe. (APA, 13.5.2014)

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