Muslimische Verbände verurteilen Entführung

13. Mai 2014, 18:31
186 Postings

Islamwissenschafter sehen Gefahr durch Boko Haram vor allem als innerpolitisches Machtspiel

Auf der ganzen Welt empören sich Menschen über die Entführung der 276 Schülerinnen, die nun seit vier Wochen von der Terrorgruppe Boko Haram vermutlich im Norden Nigerias gefangen gehalten werden. Auf Twitter und Facebook protestieren etwa Michelle Obama oder die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet mit dem Spruch "#BringBackOurGirls", in Abuja, der Hauptstadt Nigerias, halten hunderte Eltern, Geschwister, Lehrer und Nachbarn die Forderung auf Bannern und Schildern empor.

Die jüngsten Anschläge würden von der islamischen Welt und allen arabischen Medien einhellig verurteilt, sagt Politikwissenschafter Michael Lüders. Der Deutsche forscht zu den Ursachen islamistischer Gewalt. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich nennt die Geiselnahme in einer Aussendung eine "Pervertierung von Grundwerten und -rechten des Islam".

Boko Haram (zu Deutsch "Westliche Bildung ist Sünde") sei ein Kämpferverband, der mit Erpressung und Nötigung auf die jahrzehntelange Vernachlässigung des Nordostens reagiert, sagt Lüders. "Es ist in erster Linie ein innernigerianischer Machtkampf."

Auch Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaften an der Universität Wien, sieht die Gefahr einer weltweiten Bedrohung durch Boko Haram dem Konflikt innerhalb des Landes untergeordnet. 2002 gegründet, um einen islamischen Gottesstaat in Nigeria zu errichten, unterstützte die Gruppe bereits 2003 den im selben Jahr gewählten Gouverneur Ali Modu Sheriff von der oppositionellen All Nigeria People's Party (ANPP) im Bundesstaat Borno. Von dort koordiniert die Gruppe noch heute den Großteil ihrer Anschläge, auch die entführten Mädchen sollen sich dort befinden.

Oft wird Boko Haram als islamistische Sekte bezeichnet. Doch auch wenn sie ihre Taten mit religiöser Motivation zu legitimieren versuche, handle es sich nicht um eine religiöse Gruppe, meint Lohlker. "Boko Haram ist aus der Ablehnung kolonialen Einflusses im Nordosten entstanden. Die Wurzeln sind der Jihad, der Kampf gilt allem Westlichen und korrupten Eliten." (juh, DER STANDARD, 14.5.2014)

  • Abubakar Shekau, Anführer der radikalen Islamisten, bekennt sich immer wieder in Videobotschaften zu den Anschlägen.
    foto: ap

    Abubakar Shekau, Anführer der radikalen Islamisten, bekennt sich immer wieder in Videobotschaften zu den Anschlägen.

Share if you care.