Russland - wenn der Sieg eine Niederlage ist

Kommentar der anderen12. Mai 2014, 19:10
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Die Ukraine, die Krim und der Große Vaterländische Krieg: Aus Russland kann nur dann eine moderne Nation werden, wenn es aufhört, Tragödien und seine Vergangenheit voller Blut zu feiern. Anmerkungen zum russischen Siegeskult.

Lasst uns der Toten gedenken." So beginnen jedes Jahr rund um den 9. Mai quer durch die frühere Sowjetunion tausende offizielle Reden. Aber meinen es diese Redner ernst? Denn vor langer Zeit wurde aus dem "Siegestag" im postsowjetischen Raum - besonders in Russland - ein blinder Kult gemacht. Laut den Meinungsforschern vom Lewada-Zentrum empfinden die meisten Russen den Sieg im sogenannten Großen Vaterländischen Krieg als den größten Tag der gesamten russischen Geschichte.

Der Sieg ist also das einzige positive Element im ansonsten ziemlich depressiven russischen Bewusstsein; eine Leistung, auf die man zweifellos stolz sein kann - und weder die Tatsache, dass Nazideutschland am Anfang des 2. Weltkriegs Alliierter Russlands war, noch die Vermutung, dass es vielleicht möglich gewesen wäre, so viele militärische Fehler und folglich so viele Opfer (fast 30 Millionen Menschen insgesamt) zu vermeiden, können diese Auffassung nicht ändern. Über den Krieg selbst - und alle ihn begleitenden historischen Probleme - redet man in Russland überhaupt nicht.

Ein eindrucksvolles Beispiel dazu: Als der liberale Fernsehsender Doschd im Jänner seine Zuschauer fragte, ob sowjetische Kommandos Leningrad (jetzt St. Petersburg) an die deutsche Armee übergeben hätten sollen, um Leben zu retten, gab es einen landesweiten Aufschrei, der Kabel-TV-Anbieter veranlasste, den Kanal Doschd aus dem Angebot zu streichen.

Wenn der Blutzoll im Zweiten Weltkrieg irgendwo erwähnt wird, dient es meist nur dazu, um den Maßstab des Triumphs - nicht den Umfang der Tragödie! - zu betonen; die Toten sind nur eine der Komponenten des Kults, der seit der Einführung des Siegestages im Jahr 1965, als die Sowjetunion und danach Russland imperiale Ambitionen erneuerte, als eine Art moralische Unterstützung fungierte. Manchmal wirkt das auch wie ein Minderwertigkeitskomplex: "Ja, wir haben oft versagt, und ehrlich gesagt ist Russland kein Paradies - aber schau mal, wir haben doch gewonnen!"

Für bare Münze

Das Problem hier ist ganz einfach: Die meisten Russen nehmen ihre Vergangenheit für bare Münze, ohne jede Analyse. Deshalb können sie das Eroberte - sei es nun Gedächtnis oder Gebiet - nicht auf sich beruhen lassen. Immer noch werden der Sieg und seine Symbole beschwören und ausgenutzt, wie zum Beispiel dieser Tage in der Ukraine, wo proukrainische Aktivisten vom Kreml und von ihm ermutigten prorussischen Rebellen ausschließlich als "Faschisten" hingestellt werden. Und wenn man seine Vergangenheit nicht hinterfragt und deshalb nicht begreift, dann kann man in der Gegenwart nicht wirklich leben, besonders wenn diese Vergangenheit voller Blut ist.

Überdies: Wenn eine Gesellschaft zu ihrer Rechtfertigung nicht nach vorne, sondern zurück blickt, nur weil sie aktuell keine neuen Helden feiern kann, dann ist diese Gesellschaft ideologisch kaputt. Die russische Gesellschaft ist leider eine solche. Hier hat die Kriegesdenkart ein Lebensprinzip geschaffen, wonach ein Fremder automatisch mit einem Feind gleichgesetzt wird; wonach man niemandem - nicht einmal seiner Familie - trauen kann, ganz zu schweigen von verschiedenen sozialen Institutionen; wonach die Menschen nicht mit komplexen gedanklichen Konzepten operieren wollen; wonach du immer Recht hast. Dieses alles formt übrigens die Basis des Putin-Systems, mit seiner Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, mit seinem Pathos der Heftigkeit, mit seinem Widerwillen gegen fremdes Glück.

Angeborener Zynismus

Es gibt hier aber ein Paradox. Der Sieg ist in Russland Kult, aber das Gedenken daran ist grundsätzlich nicht auf einzelne Schicksale bezogen. Der angeborene Zynismus dieser Situation heißt erstens, dass die echten Erinnerungen an die Front, die natürlich ein sehr unterschiedliches Bild malen und die Russland helfen könnten, diese Mentalkrise zu sublimieren, als eine Lästerung angesehen werden; und zweitens, dass viele von den noch lebenden Veteranen, dieselben Menschen, die in erster Linie den Triumph lieferten, heute oft unter tatsächlich schrecklichen Umständen leben müssen, ohne Respekt, ohne Geld, ohne Bedeutung.

Wie auch bei anderen Kulten, konzentriert sich der russische Siegeskult auf Ästhetik. Die ist nur nicht besonders schön: Alle diese zahlreichen geschmacklosen Betondenkmäler, Stelen und ewigen Feuer, die praktisch angebetet werden; gewiss ist der Besuch von ihnen ein notwendiger Teil der russischen Schulausbildung. Die Spitze dieser Ästhetik ist aber die jährliche Parade auf dem Roten Platz, ein mehrere hundert Millionen Rubel teures pompöses Vorzeigeprojekt des Kremls. Abgesehen von den Kosten: Was da passiert, ist, dass die Vergangenheit nachgespielt wird; das ist doch kein Leben, das ist ein Krankenhaus.

Lasst uns gedenken

Ich sage gar nicht, dass man den Sieg vergessen sollte, nein; aber ich bin davon überzeugt, dass Russland nur dann eine moderne Nation werden kann, wenn es aufhört, Tragödien zu feiern. Nun lasst uns der Toten gedenken. (Alexej Koroljow, DER STANDARD, 13.5.2014)

Alexej Koroljow (25) in Moskau ist geboren und aufgewachsen, lebt seit einem Jahr als freier Journalist für diverse internationale Medien in Wien.

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