Ein Labor für den Alltag, ein Zoo für das Design

12. Mai 2014, 18:09
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Das Mak schenkt sich und dem Publikum zum 150. Geburtstag eine neu interpretierte Studiensammlung und besinnt sich mit dem "Mak Design Labor" seiner Rolle als Museum für Kunst und Alltag

Wien - Für sehr lange Zeit war Design nicht gerade das Liebkind des Museums für angewandte Kunst (Mak). Es gab zwar immer wieder originelle und fein kuratierte kleinere Schauen, Workshops und Interventionen, diese fristeten allerdings oft ein Dasein als Kellerkind. Große Knaller blieben aus. Die waren unter der Direktion von Peter Noever vor allem für Kunst und Architektur reserviert, für Künstler wie Chris Burden, Bruno Gironcoli oder Otto Muehl, um nur wenige zu nennen. Sogar der Kunst und Architektur aus Nordkorea wurde im Rahmen der umstrittenen Schau Blumen für Kim Il Sung um einiges mehr Platz eingeräumt als Designthemen.

Seit 2011, der Übernahme der Direktion durch Christoph Thun-Hohenstein, sollte sich dies ändern. Thun-Hohenstein zeigte 2012 die für Mak-Verhältnisse relativ groß angelegte, aber schwerfällige Designschau Made 4 you. Design für den Wandel, die Hartmut Esslinger, Gestalter von Weltruf, mitkuratierte.

Im Jahr darauf gab es die äußerst gelungene Ausstellung Nomadic Furniture 3.0 zu sehen, welche die mannigfaltigen Bereiche der Do-it-yourself-Bewegung beleuchtete. Eine Frischzellenkur in Sachen Design waren diese Projekte auf jeden Fall, sie als Erlösung vom Dasein eines Stiefkinds zu interpretieren wäre aber übertrieben.

Aktuell, zum Geburtstag des Hauses, gibt es Trommelwirbel - zumindest für das Thema Design. Genau 150 Jahre nachdem das Museum am 12. Mai 1864 provisorisch in Räumlichkeiten des Ballhauses neben der Wiener Hofburg eröffnet wurde, schenkt sich das Haus das sogenannte Mak Design Labor, eine komplette Neuinterpretation der weltberühmten Studiensammlung mit 2000 Exponaten auf 1900 Quadratmetern. Für Thun-Hohenstein ist es das zentrale Jubiläumsprojekt, das das Haus weiter in die Nähe der Alltagskultur rücken soll.

Angerückt ist dafür das Designstudio Eoos, das international wohl umtriebigste und erfolgreichste österreichische Designbüro mit Kundschaft von Armani bis Zumtobel. Kuratorisch begleitet wurde das Projekt auch vom IDRV, dem "Institute of Design Research Vienna".

Mit dem nach gesellschaftlich relevanten Themen geordneten Design Labor wird eine ziemlich radikale Neupositionierung der Sammlung vorgenommen, kunsthistorische und interdisziplinäre Querverbindungen sollen dadurch erlebbar werden.

Supermarkt-Dramaturgie

Man könnte auch sagen, es geht darum, die Zäune zwischen bisherigen Sammlungskleingärten niederzureißen und Themen und Räume ineinanderfließen zu lassen, also eine Art Designzoo zu schaffen. Zitiert wird in diesem Zusammenhang Andy Warhol, der sagte: "When you think about it, department stores are kind of like museums" - die Idee ist demnach auch, die Studiensammlung an der Dramaturgie des Supermarkts anzulehnen. Eine architektonische, modulare Programmierung soll zusätzlich Flexibilität bringen.

Gedacht, getan: Vernetzung ist eines der Schlagwörter der neuen Designwelt. Ineinander verwoben werden die Themenbereiche Kochen, Tischkultur, Sitzen, künstlerische Produktion, Industrial Design, alternative Produktionsweisen, Schrift und Ornament.

Platz gemacht wird auch Josef Hoffmann und dem Helmut-Lang-Archiv. Das klingt in der Aufzählung ein wenig trocken. Ist es aber nicht. Dem Team rund um Eoos ist es in 14 unterschiedlich großen Bereichen gelungen, einen lebendigen Ort zu schaffen - der saloppe Vergleich mit Supermarkt oder Objektezoo ist zulässig.

Das Museum schuf in seinem Untergeschoß einen Parcours, der nicht als verkopfte Ausstellung herüberkommt, sondern als diskursiver Ort und zeitgenössische, verspielte Präsentation einer Sammlung, die von permanenter Veränderung geprägt sein soll. Und von Denkanstößen: Was bedeutet Design für mich? Hat Design mit Kunst zu tun? Wie definiert sich Wohlstand? Diese und viele andere Fragen werden nicht nur gestellt, das Mak drückt dem Besucher auch mannigfaltige Werkzeuge in die Hand und hilft, Antworten auf Fragen zu finden, die unser aller Alltag betreffen.

Man darf dem Haus gratulieren zu diesem Schritt in Richtung Vermittlung eines notwendigen und besseren Designverständnisses. Zum Geburtstag natürlich auch. (Michael Hausenblas, DER STANDARD, 13.5.2014)

Der kommende Samstag, 17. Mai, steht mit Programm von zehn Uhr morgens bis drei in der Früh ganz im Zeichen des Jubiläums.

Wissen: 150 Jahre Mak

Nach Vorbild des Londoner South Kensington Museums (heute Victoria and Albert Museum) wurde das "K. k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie" 1863 von Kaiser Franz Joseph gegründet und am 12. Mai 1864 in provisorischen Räumlichkeiten neben der Hofburg eröffnet. 1871 übersiedelte das Museum in das von Heinrich von Ferstel erbaute Gebäude am Stubenring.

1919 ging ehemals kaiserlicher Besitz, etwa orientalische Teppiche, an das Museum - die Antikensammlung dafür ans Kunsthistorische Museum. Von den Nazis wurde das Museum in "Staatliches Kunstgewerbemuseum" umbenannt, 1947 in "Österreichisches Museum für angewandte Kunst".

Unter der Direktion von Peter Noever (1986-2011) wurde das Museum generalsaniert, die Schausammlung mittels Interventionen zeitgenössischer Künstler neu aufgestellt. 1994 wird der Flakturm im Arenbergpark zur Mak-Außenstelle, 1995 entsteht im Schindler House und in den Mackey Apartments in Los Angeles das Mak Center for Art and Architecture.

Seit 1. 9. 2011 leitet Christoph Thun-Hohenstein das Mak. Sein Motto: "Veränderung durch angewandte Kunst."

  • Manch neuer Bereich im Mak wirkt verspielt, der Raum "Hoffmann geometrisch", dem Meister entsprechend, nüchtern.
    foto: peter kainz / mak

    Manch neuer Bereich im Mak wirkt verspielt, der Raum "Hoffmann geometrisch", dem Meister entsprechend, nüchtern.

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