Mars-Canyons: Es war Lava, nicht Wasser

12. Mai 2014, 17:59
27 Postings

Auf dem Mars befinden sich die gewaltigsten Schluchten unseres Sonnensystems - Ein Schweizer Vulkanologe glaubt nun, die Ursache gefunden zu haben

Zürich/Wien - In der Äquatorregion des Mars gibt es ein System tiefer Schluchten von gewaltigen Dimensionen - so gewaltig, dass sie bereits im 19. Jahrhundert mit einfachen Teleskopen entdeckt wuden: Labyrinthus Noctis und das noch größere Valles Marineris. Beide zusammen bilden den größten Grabenbruch unseres Sonnensystems und würden die USA von der West- zur Ostküste mit bis zu sieben Kilometer tiefen Schluchten durchziehen.

Da diese Schluchten irdischen Canyons gleichen, die von Wasser geschaffen wurden, ging die Wissenschaft lange davon aus, dass es gewaltige Ströme waren, die das Labyrinthus Noctis und das Valles Marineris in die Oberfläche hineinfraßen. Die heute gängigste Theorie weicht davon ab: Geowissenschafter nehmen an, dass tektonische Vorgänge zum einzigartigen Schluchtensystem führten.

Alles falsch, behauptet nun der Vulkanologe Giovanni Leone (ETH-Zürich) im "Journal of Volcanology and Geothermal Research". Laut seinen Analysen hätten einzig Lavaflüsse die Kraft und die Masse gehabt, diese gewaltigen Schluchten in die Marsoberfläche zu fräsen.

Für seine Studie, die in der Fachwelt einigen Staub aufwirbeln dürfte, hat Leone tausende hochauflösende Oberflächenaufnahmen untersucht, die von mehreren Marssonden gemacht wurden. "Alles, was ich darauf erkannte, waren Strukturen von Lava, wie wir sie von der Erde her kennen", so der Forscher. Die typischen Anzeichen von durch Wasser verursachter Erosion habe er auf keinem Foto finden können.

Mitwirkung von Wasser beim "Feinschliff" schließt der Forscher zwar nicht ganz aus. Spuren davon habe er indes nur sehr selten gefunden. Auch kann sich der Vulkanologe nicht erklären, woher die gigantischen Wassermassen hätten herkommen sollen.

Fündig wurde er hingegen beim Quellgebiet der Lava, das er in der Vulkanregion Tharsis vermutet. Von dort ziehen sich Lavatunnels bis zum Anfang des Labyrinthus Noctis. Ließ der Druck einer Eruption nach, stürzten die Tunneldecken teilweise ein. So bildeten sich Ketten von beinahe kreisrunden Löchern.

Hat Leone recht, dann hätte das weitreichende Folgen: Wasser wäre am Mars viel seltener gewesen als bislang angenommen. Und die Chance, dort Leben zu finden, würde weiter schwinden. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 13.5.2014)

  • Das größte Schluchtensystem auf dem Mars dürfte allein von immensen Lavaflüssen in die Oberfläche gegraben worden sein. (Höhere Regionen sind rot, tiefere blau eingefärbt.)
    foto: nasa/jpl-caltech

    Das größte Schluchtensystem auf dem Mars dürfte allein von immensen Lavaflüssen in die Oberfläche gegraben worden sein. (Höhere Regionen sind rot, tiefere blau eingefärbt.)

Share if you care.