Alltagsbetrachtungen zwischen Ebbe und Flut

12. Mai 2014, 17:38
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Der Nino aus Wien veröffentlicht zwei neue Alben: "Bäume" und "Träume"

Wien - Er eiert durch die Lieder, als würde ihm der Hosenboden zwischen den Knien hängen. Schlaff und verschlafen. Was will die Welt schon wieder von mir? Ist es noch dunkel oder schon wieder? Er zerdehnt Silben, als würde er beim Singen gähnen und - worüber singt der überhaupt?

Der Nino aus Wien ist ein Phänomen. Das ist jetzt noch keine gute Nachricht. Denn dieses nährt sich von einem schwierigen Zehrgebiet: dem Austropop. Und zwar nicht bei Vertretern, die sich halbherzig dagegen verwehrt haben, von diesem Signum vereinnahmt zu werden. Nein, Nino Mandl, der als Nino aus Wien in den letzten Jahren eine Karriere geschafft hat, die ihn auch ins große Deutschland führt, bezieht sich tatsächlich und ohne ironische Brechung auf den Austropop; auf den frühen Ambros, auf Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart, kurz, den Franzi. Das muss man sich einmal vorstellen, das muss man einmal durchdrücken. Nun hat Nino aus Wien gleich zwei Alben veröffentlicht. Das eine heißt Träume, das andere Bäume. Heute, Dienstag, präsentiert er sie im Wiener Wuk.

Bäume, Träume - als hätte ein Poet sich die Titel einfallen lassen. Träume ist vergleichsweise einfach. Es beginnt mit einer humorbegabten Ode an das Tabakrauchen, dem Tobacco Lied. Dieses endet mit einem wienerliederlichen "Hallo!". Ansonsten ist Träume eine halbwegs originelle Mischung aus Indie-Rock und Austropop, deren Alltagsbetrachtungen Mandl mit schrägem Schmäh veredelt.

Aber wie er im "Hit" dieses Albums, Diese Person ist cool, sagt: "Cool sein kann jeder." Also wird's uncool. Mein Tod klingt dann leider wie eine Ambros-B-Seite aus dunklen Tagen, die mit einer gefälscht-steirischen Sprecheinlage nicht besser wird.

Auch Bäume hellert ordentlich, doch die frei flottierenden Texte des Nino nehmen einen tatsächlich gefangen. Nicht immer, aber es funktioniert, wenn die Band nicht zu sehr in den Hintergrund gemischt ist, sondern wie im Lied 2004 Mandls Textgirlanden mit grimmiger Gitarre und Streichern unterstreicht.

Das Tempo ist den Themen entsprechend behäbig bis zu behäbig, aber es handelt sich ja um einen Wiener Songwriter. Da gilt: nur keine Wellen. Die richtige Mischung aus Ebbe und Flut muss der Nino allerding erst finden. (Karl Fluch, DER STANDARD, 13.5.2014)

Der Nino aus Wien live: Di., 13. 5., Wuk, 1090 Wien, 20.00

  • Der Nino aus Wien. Austropop ohne Genierer.
    foto: hoanzl

    Der Nino aus Wien. Austropop ohne Genierer.

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