Neue Impfung: Meningokokken entschärfen

13. Mai 2014, 11:06
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Forscher suchen im Genom von Erregern Schwachstellen, bei einer gefährlichen Meningokokken-Art ist das erstmals gelungen

Rino Rappuoli ist ein Erfinder. Er tüftelt und sucht, reißt auseinander und stellt wieder zusammen. Und wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört, entfaltet er seine Kreativität am Computer. Nur die Materie, mit der er arbeitet, ist anders. Weder entwickelt er Motoren, noch laufen programmiertypischen Zahlenkolonnen über den Bildschirm.

"Äußerst gefährlich"

Es ist vielmehr die Kombination von vier Buchstaben, die ihn fasziniert: ATGC. So kurz ist das Alphabet des Erbguts von Lebewesen. Auch das der Meningokokken. Die haben es Rappuoli besonders angetan. Die Bakterien sind äußerst gefährlich. Sie besetzen mitunter Gehirn und Organe von Kindern und Jugendlichen, geben dort ihr Gift frei - und "können innerhalb von Stunden todkrank machen", sagt Rappuoli.

Das Erbgut der Meningokokken hat der Italiener, der eigentlich Molekularbiologe ist, mehr als ein Jahrzehnt lang analysiert. Was er suchte? Einen Angriffspunkt, um dem fatalsten Vertreter der Meningokokken den Garaus zu machen. Vor einigen Monaten brachte Novartis nun erstmals eine Impfung gegen Stamm B der Meningokokken auf den Markt. "Damit beginnt eine neue Ära der Impfstoffentwicklung", attestiert Werner Zenz, Forschungsleiter für Infektionskrankheiten an der Med-Uni Graz und Mitglied der österreichischen Impfkommission.

Es ist das erste Mal, dass ein Vakzin auf Basis des Erbguts eines Erregers entwickelt wurde. Es wird nicht der Letzte sein: Rappuoli, der inzwischen der Vakzinentwicklung von Novartis vorsteht, testet bereits neue Kandidaten gegen andere Krankheitserreger in klinischen Studien. "In zehn Jahren", so glaubt er, "wird die Mehrzahl aller neuen Impfstoffe auf Genomforschung beruhen."

Abwehr aktivieren

Seit mehr als dreißig Jahren entwickeln Wissenschafter Impfstoffe nach dem gleichen Konzept: Sie schwächen oder zerstückeln den Erreger, präsentieren ihn dem menschlichen Abwehrsystem, damit dieses lernt, ihn zu erkennen, bevor er sich des Körpers bemächtigen kann. Keuchhusten, Kinderlähmung, Wundstarrkrampf, Masern, Mumps, Röteln sind nur einige Impfungen, die so funktionieren.

Auch die Meningokokken haben dort einen Platz. Tatsächlich hat Rappuoli selbst bereits vor zwanzig Jahren zwei Impfstoffe gegen sie entwickelt - ebenfalls mit der alten Technologie. Nur den Stamm B, "der in unseren Breitengraden zwei Drittel der schweren Erkrankungen verschuldet", sagt Zenz, der ließ sich so nicht fassen.

Obwohl Meningokokkeninfektionen sehr selten auftreten, sind die winzigen Keime gefährlich. Sie nisten sich bei mehr als 15 Prozent, also bei etwa 1,2 Millionen Österreichern, direkt hinter den Mandeln ein - oft ohne Konsequenzen. Nur eine kleine Gruppe von etwa 80 bis 100 Menschen - in den vergangenen drei Jahren gar nur 65 bis 70 - wird krank.

Bei ihnen gelangen die Bakterien ins Blut, wandern in die Organe, besetzen das Gehirn manchmal mit einer solchen Kraft, dass trotz hochdosierter Antibiotikatherapie noch zehn Prozent von ihnen innerhalb von 48 Stunden sterben. Zwei von zehn Überlebenden leiden ihr Leben lang unter den Folgen der Infektion: Hirnschäden, Taubheit oder Amputationen. Das macht Meningokokken zu riskanten bakteriellen Krankheitserregern, warnt die österreichische Gesundheitsagentur Ages.

Gefahr für die Kleinsten

Gerade kleine Patienten sind gefährdet. Säuglinge etwa tragen ein 20-mal höheres Risiko zu erkranken als ein gesunder Erwachsener. Gegen vier von fünf Stämmen halten Kinderärzte daher Impfungen bereit. Schon ab dem zweiten Lebensjahr, so steht es in der österreichischen Impfempfehlung, sollen Kinder routinemäßig gegen die Angreifer geschützt werden. Nur werden die Impfungen in Österreich nicht von den Krankenkassen gezahlt. Das geschieht erst, wenn die Empfehlung den zweiten Impfdurchgang vorsieht - nämlich im Jugendalter.

Bis dahin müssen Eltern knapp 60 Euro pro Dosis aufbringen. Die neue Impfung wird teurer. Etwa 100 Euro veranschlagt Novartis pro Impfdurchgang. Derzeit berät die Impfkommission, ob die neue Impfung in die Empfehlungen aufgenommen und auch erstattet wird. Die Nebenwirkungen, so heißt es bei Novartis, seien ähnlich jenen anderer Impfungen: rote Schwellung an der Einstichstelle, kurzeitige Muskelschmerzen oder Fieber. In Großbritannien ist die Entscheidung bereits gefallen. Dort stimmte das zuständige Expertengremium für die Impfung.

Streptokokken im Visier

Rappuoli verfolgt unterdessen längst weitere Ziele. Ein Impfstoff, der vor Streptokokken des Typs B schützen soll, steht kurz vor der letzten Prüfungsphase. "An ihm stirbt etwa eines von 2000 Kindern in Europa kurz nach der Geburt, in Entwicklungsländern jedes tausendste Neugeborene", sagt er. Auch an anderen Schutzimpfungen wird bei Novartis intensiv geforscht, um bisher nicht behandelbare Krankheiten zu verhindern. (Edda Grabar, DER STANDARD, 13.5.2014)

  • In seltenen Fällen können sie sogar lebensgefährlich sein.
    foto: corbis

    In seltenen Fällen können sie sogar lebensgefährlich sein.

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