Meningokokken: "Eine andere Strategie, um den Stamm B zu bekämpfen"

13. Mai 2014, 14:30
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Bakterien haben Schwachstellen - Molekularbiologe Rino Rappuoli hat sie bei Meningokokken erforscht und erzählt über seine Arbeit der vergangenen zehn Jahre

Rino Rappuoli ist ein Erfinder. Er tüftelt und sucht, reißt auseinander und stellt wieder zusammen. Und wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört, entfaltet er seine Kreativität am Computer. Nur die Materie, mit der er arbeitet, ist anders. Weder entwickelt er Motoren, noch laufen programmiertypischen Zahlenkolonnen über den Bildschirm.

Es ist vielmehr die Kombination von vier Buchstaben, die ihn fasziniert: ATGC. So kurz ist das Alphabet des Erbguts von Lebewesen. Auch das der Meningokokken. Die haben es Rappuoli besonders angetan. Die Bakterien sind äußerst gefährlich. Sie besetzen mitunter Gehirn und Organe von Kindern und Jugendlichen, geben dort ihr Gift frei - und "können innerhalb von Stunden todkrank machen".

DER STANDARD: Warum haben Sie sich als Forscher für Meningokokken interessiert?

Rino Rappuoli: Als ich Mitte der 1980er-Jahre begonnen hatte, hatte man nichts gegen diese Bakterien in der Hand. So selten die Erkrankungen in unseren Regionen auch sind, sie verlaufen fatal. Meningokokken können Säuglinge, aber auch Jugendliche innerhalb von wenigen Stunden umbringen. Es war erschreckend mitanzusehen. Etwa zur gleichen Zeit entwickelten Forscher die Technik, bestimmte Moleküle, etwa aus der Bakterienhülle, mit einem Eiweiß zu koppeln, das die Abwehrreaktion stimuliert. Damit hatten wir erstmals Möglichkeiten, gegen Meningokokken vorzugehen.

DER STANDARD: Aus dieser Zeit stammen die ersten beiden Impfstoffe gegen Meningokokken, die Sie entwickelten. Sie wirken aber nicht gegen jene Untergruppe der Bakterien, die in Europa am häufigsten vertreten ist.

Rappuoli: Meningokokken vom Stamm B haben andere Eigenschaften als alle anderen Formen. Auf ihrer Hülle tragen sie ein Molekül, das dem menschlichen so ähnlich ist, dass das körpereigene Abwehrsystem es nicht erkennen würde. Schließlich wäre das Immunsystem ja darauf spezialisiert, Fremdlinge im Körper zu identifizieren. Dann gibt es rund um das Virus noch eine Kapsel, mit der sich der Stamm B umgibt. Sie verändert sich jedoch ständig. Wir brauchten also eine andere Strategie, um den Stamm B zu bekämpfen. Als es Mitte der 1990er-Jahre möglich wurde, das Erbgut von Bakterien zu entschlüsseln, lag diese neue Strategie sozusagen vor der Haustür.

DER STANDARD: Sie setzten also sofort auf die Erbgutanalyse?

Rappuoli: Ich traf mich bereits 1996 mit Craig Venter (Anm.: Dem Labor von Venter gelang es 1999 in einem spektakulären Wettrennen mit öffentlichen Forschern, das menschliche Genom zu entschlüsseln) und bat ihn, das Erbgut der Meningokokken vom Stamm B zu untersuchen. Er fand heraus, dass sie 2.158 Proteine bilden. Letztlich filterten wir drei heraus.

DER STANDARD: Sie arbeiteten also fast 20 Jahre an der Entwicklung dieses einen Impfstoffs, und trotzdem sagt man, es sei eine Zukunftstechnologie für die Impfstoffentwicklung?

Rappuoli: Das ginge heute alles sehr viel schneller und billiger. Wir benötigten damals noch ein knappes Jahr, um ein Bakteriengenom zu entschlüsseln. Heute schafft man das in wenigen Stunden. Auch die Suche nach möglichen Schwachstellen lässt sich beschleunigen. Viele Erreger kennt man nach 20 Jahren sehr viel besser. Ich bin davon überzeugt, dass in den nächsten zehn Jahren die meisten Impfungen auf Basis der Erbgutanalyse von Erregern entwickelt werden.

DER STANDARD: Warum sind Sie sich da so sicher?

Rappuoli: Werfen Sie einen Blick auf die Krebsforschung. Die Durchbrüche der letzten Jahre verdanken wir Forschern, die das Erbgut der Tumore durchleuchteten. In der Impfstoffentwicklung haben wir diese Möglichkeit viel zu lang übersehen. Die Techniken, die wir heute zur Entwicklung von Impfstoffen einsetzen, sind über dreißig Jahre alt. In der Wissenschaft sind das Jahrhunderte. Natürlich wird es bei einigen Erregern wie etwa HIV oder Tuberkulose länger dauern, doch die Zukunft der Impfstoffentwicklung wird sicherlich in der Erbgutentschlüsselung liegen. (Edda Grabar, DER STANDARD, 13.5.2014)

Rino Rappuoli ist Molekularbiologe, hat in Siena, Washington und Harvard studiert und leitet die Impfstoffforschung bei Novartis Vaccines und Diagnostics in Siena, Italien.

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  •  Molekularbiologe Rino Rappuoli hat die Schwachstellen von Meningokokken erforscht.
    foto: b. bruchi

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