"Freunds Mentalität, wonach der ORF alles zahlen muss"

12. Mai 2014, 17:02
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Aus den tiefen ORF-Archiven: Korrespondenz zu 2006 bereinigten Auseinandersetzungen

Wien - Bald 13 Jahre liegt das Ereignis zurück. Es ist nach Angaben beider Seiten bereinigt, nach jahrelangem Rechtsstreit zwischen Eugen Freund und seinem damaligen Arbeitgeber ORF über die Kosten medizinischer Leistungen für den Korrespondenten und seine Familie in den USA. Sie stritten auch über die Kosten, um einen Oldtimer Freunds aus den USA nach Österreich zu überstellen. DER STANDARD hat bereits über die Ereignisse berichtet, die mit Freunds Kandidatur als SPÖ-Spitzenkandidat zur Europawahl aus den Gedächtnissen und Archiven hochkamen. Warum also noch ein Artikel zu den lange zurückliegenden Ereignissen, die allenfalls persönliche, aber keine  europapolitische Relevanz haben?

Dem STANDARD liegen nun erstmals auch Dokumente aus der damaligen ORF-Administration über die Vorgänge vor; verfasst vom langjährigen Administrationschef Wolfgang Buchner nach dessen damaliger Wahrnehmung und Rechtansicht, lagen sie lange in den ORF-Akten. Buchner, inzwischen als Rechtsanwalt tätig, bestätigt auf STANDARD-Anfrage ihre Authentizität, will sie inhaltlich aber nicht weiter kommentieren. Die Dokumente bestätigen die bisherigen Berichte des STANDARD.

Interne Mitteilung

"Herr Freund hat als Korrespondent in Washington Zahnbehandlungen aus der Handkasse auch in Fällen bezahlt, in denen der Anspruch auf Kostentragung durch den ORF fraglich ist", schrieb Buchner im November 2001 in einer internen Mitteilung an den damaligen ORF-Generaldirektor Gerhard Weis. Einer Aufforderung zur Rückzahlung von 36.000 Schilling (rund 2600 Euro) sei er seit elf Monaten nicht nachgekommen. Der Gesamtbetrag belaufe sich auf rund 750.000 Schilling (rund 54.000 Euro). Buchner beantragt eine interne Revision des Falles. Buchner schrieb Freund im April 2002: "Der ORF ist gesetzlich verpflichtet, seine Wirtschaftsführung an den Grundsätzen der Sparsamkeit auszurichten und kann daher nicht Forderungen, die nach gewissenhafter Prüfung bestehen, abschreiben." Noch ORF-Generaldirektor Gerhard Weis ließ den Mitarbeiter klagen.

Nach der Revision und vor Gerichtsentscheiden schrieb Weis Nachfolgerin, die damalige ORF-Generaldirektorin Monika Lindner, Freund im Sommer 2002 einen Brief: „Entweder Sie haben, wie die zuständigen Dienststellen das vorbringen, Ihre Kompetenzen erheblich überschritten oder die Regularien sind unzureichend und zu verbessern, denn es kann natürlich nicht angehen, dass Mitarbeiter bei der Entsendung ins Ausland die Gebisse ihrer Familien zur Gänze dem Unternehmen zur Erhaltung übertragen." Im Übrigen rate er Freund, dass sich dessen damaliger Anwalt, "zur Vermeidung unnötiger Kosten auf Ihrer Seite auf das gerichtliche Verfahren und nicht auf Interventionen konzentriert".

2004 referierte Buchner Generalin Lindner in einer internen Information seine Sicht zum Verfahrensstand: Der Fall habe in der Belegschaft "Aufmerksamkeit erregt, weil es über die Person Eugen Freunds hinaus um die Frage geht, was sich das Unternehmen gefallen lässt." Der Streitwert liege bei 43.000; Freund spreche selbst von einem möglichen Vergleich "um 20.000 Euro", dies "belegt schon, dass er selbst zugibt, seine Kompetenzen überschritten zu haben", findet Buchner damals. Die Angelegenheit "muss ausprozessiert werden", um "klarzustellen, in welchem Umfang Herr Freund seine Kompetenzen überschritten hat".

In einer internen Mitteilung an den damaligen kaufmännischen Direktor Alexander Wrabetz und Generalin Lindner schreibt Buchner 2006 vom „provokanten Verhalten" Freunds. Schuld an der "von Freund gelebten Mentalität, wonach der ORF alles zahlen muss", sei aber "auch das Regelungsdefizit im Bereich der Auslandsbüros". Dieses zeigte 2005 auch eine interne Prüfung des ORF auf, der sich zum wesentlichen Teil aus Programmentgelten seines Publikums finanziert.

Restforderung

Im Prozess gegen Freund sei der ORF mit seiner "Restforderung" von 18.567 Euro in erster Instanz unterlegen, schreibt Buchner in der Mitteilung. Doch dürfe "nicht vergessen werden, dass wir in diesem Verfahren 22.446 Euro samt vier Prozent Zinsen bereits erstritten haben." Buchner: "Die Aussage, Freund habe seinen Prozess gewonnen, ist also nicht richtig".

ORF-Rechtsvertreter Gottfried Korn und der Personalchef rieten dem ORF zur Berufung; sie hielten "die Causa für aussichtsreich", dem Gericht sei „ein Beurteilungsfehler unterlaufen". Buchner indes hält „die Nicht-Berufung für vertretbar" und begründet das in der internen Mitteilung so:

"a) Eugen Freund ist ein anerkannter und guter Journalist. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters (56 Jahre) wird es kaum mehr möglich sein, durch fortgesetzte Prozessführung edukative Effekte zu erzielen. Vielmehr wird er die Märtyrerrolle hervorkehren und unter Gleichgesinnten Anhänger finden. Eine Wiederholungsgefahr besteht nicht. Sollte Eugen Freund wiederum ins Ausland entsendet werden, dann wird es ein Regelungskorsett geben, das ihn vor ähnlichem Fehlverhalten bewahrt. Auch scheint das Gebiss dauerhaft saniert zu sein."

"b) Das Verhalten Freunds hat seinerzeit in Journalistenkreisen die Frage aufgeworfen: ,Ich bin gespannt, wieviel man sich erlauben kann, ohne sanktioniert zu werden?' Diesem Umstand wäre dadurch zu begegnen, dass man kommuniziert, dass der ORF im Freund'schen Gebissprozess letztlich zu 55 Prozent obsiegt hat."

"c) Der Verfahrensausgang ist offen. Zwar ist wahrscheinlich, dass wir noch einen Teilbetrag erstreiten, aber auch nicht auszuschließen, dass das Gericht aus Ärger über die Lästigkeit der Materie uns verlieren lässt."

Autotransport

Parallel zum Streit über die Zahnsanierung unterschied sich wie berichtet auch die Position der ORF-Administration und –Personalabteilung von jener Freunds über die Transportkosten eines in den USA angeschafften Autos im Zuge von Freunds Rückübersiedelung nach Österreich im Sommer 2001.

Administrationschef Buchner schrieb Ende Februar 2002 eine interne Mitteilung an den für Korrespondenten zuständigen Informationsdirektor Fernsehen, damals Hannes Leopoldseder. Die Revision habe "aus aktuellem Anlass die Gestion des ehemaligen USA-Korrespondenten Eugen Freund als Büroleiter in Sachen Rücktransport seines Privat-Pkw geprüft. Dabei hat sich ergeben, dass Herr Freund ein offensichtlich manipuliertes Offert vorgelegt hat, wodurch dem ORF ein Schaden von 45.000 Schilling entstanden ist." Die Revision empfehle, "diesen Betrag rückzufordern und arbeitsrechtliche Konsequenzen zu prüfen".

Buchner schloss sich damals der Empfehlung an . Er empfahl laut Mitteilung der Generaldirektorin, Freund zu schreiben, dass er "bei der Auftragsvergabe an die Spedition die erforderliche Korrektheit vermissen ließ". Nachsatz: "Diese Maßnahme ist keine, im übrigen unzulässige Disziplinarmaßnahme, sondern eine Kritik am dienstlichen Verhalten." Und sollte Freund die Zahlung ablehnen, "ist die Summe einzuklagen". Freund übernahm diese strittigen Kosten schließlich.

Differenzen

Eugen Freunds Sprecher Raphael Sternfeld erklärte bereits wie berichtet zu den Vorfällen: "Ja es stimmt Eugen Freund hatte Differenzen mit dem ORF Anfang des Jahrtausends. Er wurde dann viele Jahre später Moderator des ,Weltjournals' und dann einige Zeit später noch Moderator der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, der 'ZiB1'. Kein Unternehmen der Welt würde einen Mitarbeiter mit so wichtigen und öffentlichkeitswirksamen Aufgaben betrauen, wenn es ein Problem mit dem Mitarbeiter gäbe."

Zu den Vorwürfen über die Kosten medizinischer Behandlung erklärte Sternfeld: "Eugen Freund wurde vom Gericht nie zu einer Zahlung verurteilt." Eine solche "Unterstellung" wäre "unerhört und massiv rufschädigend!" Und: "Eugen Freund hat die Überstellung seines Privatautos im Rechnungsbetrag ausgewiesen und nicht wie sie fälschlicherweise behaupten als Übersiedlungskisten angegeben. Er hat die Übersiedlung des Privatautos auch selbst bezahlt." Sternfeld will dem auch in Kenntnis der Inhalte der nun dem STANDARD vorliegenden ORF-Dokumente will Sternfeld nichts hinzufügen.

ORF-Sprecher Martin Biedermann erklärte wie berichtet zu den Vorfällen auf frühere STANDARD-Anfrage: "Wir bedauern sehr, dass gerade jetzt - offensichtlich aus parteipolitisch motivierten Gründen – von damaligen Wissensträgern Halbwahrheiten und Denunziationen einen ehemaligen Mitarbeiter betreffend an die Öffentlichkeit gespielt werden. Es gab seinerzeit, wie schon mehrmals berichtet wurde, Differenzen im Zusammenhang mit der Übernahme von Arzt- beziehungsweise Übersiedlungskosten, die wurden damals geklärt. Der ORF hat letztlich keine Kosten übernommen, die nicht üblicherweise auch in anderen Fällen übernommen werden.

Der Sachverhalt wurde ausreichend und im Interesse des Unternehmens geklärt, das ORF-Management hat nie in Erwägung gezogen, sich von einem hochverdienten und profilierten Mitarbeiter wie Eugen Freund zu trennen,  Einschätzungen von nachgeordneten Dienststellen sind dabei unerheblich. Ebenso falsch ist die Information, dass Eugen Freund zu einer Zahlung verurteilt wurde.

Die weitere ORF-Laufbahn von Herrn Freund als höchst kompetenter, anerkannter und beliebter Journalist und Moderator von 'Weltjournal' und 'Zeit im Bild' bestätigten diese Einschätzung." (Harald Fidler, derStandard.at, 12.5.2014)

  • Eugen Freund, langjähriger ORF-Journalist und heutiger EU-Spitzenkandidat der SPÖ.
    foto: apa-foto: herbert neubauer

    Eugen Freund, langjähriger ORF-Journalist und heutiger EU-Spitzenkandidat der SPÖ.

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