Terrence Boyds Kabinenparty

13. Mai 2014, 09:20
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Boyd steht im vorläufigen WM-Kader der USA. In den Katakomben hat er sich seinen Fixplatz als DJ schon erarbeitet

Es gehört mittlerweile zum guten Ton eines jeden Kabinentrakts. Von der Landesliga bis zur Champions League dröhnen aus der Umkleidekabine vor dem Spiel laute Housebeats oder aktuelle Charthits. Rapid-Stürmer Terrence Boyd gehört im US-Team mit seinen zwölf Länderspieleinsätzen zwar nicht zum Stammpersonal, dafür sorgt der 23-Jährige für die richtige Einstimmung seiner Kollegen. Boyd ist der Kabinen-DJ.

Beim Interview im WM-Quartier des ballesterer in der Wiener Pratersauna zeigt Boyd am DJ-Pult vor, dass er die Turntables und den Crossfader beherrscht. Der geborene Bremer ist im Sommer 2012 nach Wien gekommen. Bevor ihn der SK Rapid verpflichtete, durchlief Boyd die Nachwuchsschulen kleinerer norddeutscher Klubs sowie von Hertha BSC und Borussia Dortmund. Im US-Team debütierte der Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners ein paar Monate vor seiner Ankunft in Wien, damals als Viertligakicker der Dortmunder Zweitmannschaft. Zum Taktgeber in der Kabine empfahl er sich dank des richtigen Gespürs für Musik. "Man muss sich da reinarbeiten, das ist eine Sache von Respekt", sagt Boyd. "Ich war immer up to date, was Musik angeht. Nach Siegen habe ich dann auch immer ein paar Lieder reingeworfen, und die ganze Truppe hat gut reagiert."

Deuce und DJ Sonni

In einem Team mit arrivierten Spielern wie Tim Howard und Landon Donovan ist das gar nicht so einfach. "Man muss aufpassen, dass man einen guten Mix erwischt und nicht beispielsweise nur Hip Hop auflegt. Es ist auf jeden Fall eine Ehre, und es macht Spaß, gute Atmosphäre zu schaffen." Mit Clint Dempsey hat Boyd einen prominenten Fürsprecher. Der ehemalige England-Legionär kickt mittlerweile für die Seattle Sounders und versucht sich nebenher als Rapper. "Im Spielerbus fängt er manchmal einfach an zu freestylen. Das ist irre, der haut da Lines raus, unglaublich", kommt Boyd ins Schwärmen über "Deuce", wie sich Dempsey als Rapper nennt.

Wenn es um die beste Anheizermusik in den Katakomben österreichischer Fußballplätze geht, attestiert Boyd der Admira Qualitäten: "Beim letzten Match hätte ich mich am liebsten bei denen umgezogen. Die haben richtig gute Musik." Bei Rapid gibt Mario Sonnleitner den Kabinen-DJ. Mit dem Mix des Steirers ist Boyd meist zufrieden, nur Schlager muss es nicht unbedingt sein. "Als ‚Atemlos‘ von Helene Fischer herausgekommen ist, hat Mario das gleich gespielt. Da habe ich mir gedacht, da bin ich jetzt wohl falsch." Besser geht es ihm da schon mit weniger bekannten heimischen Beats: "Wir hören vor dem Aufwärmen immer ‚Rapid Wien‘ von den Droogieboyz. Da kann ich auch schon ein bisschen mitsingen. Das feuert einen auf jeden Fall an."

Krankes Trainingslager

Wenn Terrence Boyd vom US-Team spricht, leuchten seine Augen. "Alle Neuen in der Mannschaft werden von Beginn an super integriert. Wir repräsentieren ein Land, da muss man auf die anderen bauen können", sagt er. Im Team herrsche eine flache Hierarchie. "Das ganze Rundherum ist in Amerika viel entspannter. Nur beim Training und Match sind alle genauso fokussiert wie in Europa."

Andreas Herzog, Co-Trainer der Amerikaner, findet nur gute Worte für den Stürmer: "Er ist ein sehr offener, zielstrebiger Typ und pfeift sich nichts. Das kommt bei Cheftrainer Jürgen Klinsmann gut an." Gleichzeitig verweist Herzog aber auch auf den harten Konkurrenzkampf: "Es ist für Jozy Altidore in Sunderland schwerer, Tore zu schießen, als für Boyd bei Rapid. Wir haben sieben, acht Stürmer im Blickfeld, aber er hat eine Chance, in Brasilien dabei zu sein." Ins Mannschaftsgefüge passe der Rapidler jedenfalls: "Es sind ein paar lockere Typen dabei, zu denen er definitiv auch gehört."

Mit der Lockerheit dürfte es spätestens Mitte Mai vorbei sein. Am 12. Mai hat Klinsmann den vorläufigen Kader bekannt gegeben, einen Tag später startet das WM-Vorbereitungscamp an der Universität Stanford. Boyd hofft, in Kalifornien dabeizusein, auch wenn ihn dort harte Knochenarbeit erwartet: "Klinsmann hat zu uns gesagt, dass es das härteste Trainingslager unseres Lebens wird. Das ist echt krank, was er da vorhat."

Amerika am Arm

Für Boyd hat die Nationalteamkarriere aber nicht nur sportlichen Wert. "Ich habe den amerikanischen Teil meiner Familie erst letztes Jahr in Washington kennengelernt. Ich habe sie eingeladen, als wir gegen Brasilien gespielt haben." Fußball war der Familie Boyd damals noch gar kein Begriff: "Die haben in ihrem Leben noch kein Match gesehen, nicht einmal im Fernsehen." An die Worte seines Großvaters kann Terrence Boyd sich noch gut erinnern. Der habe gesagt: "Ich habe keine Ahnung, was du da spielst, aber gib dein Bestes." Der Besuch beim Match des Enkels hat dann für eine Horizonterweiterung gesorgt: "Mein Opa war wirklich überrascht, dass es da auch richtig abgeht und dass dort coole Stimmung war", sagt Boyd. "Die USA feuert man gerne an, da ist es schlussendlich egal, ob es um Fußball oder Eishockey geht." Als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Land ließ sich Boyd gar die US-Flagge auf den linken Arm tätowieren.

Für den Fußball in den USA ist die WM in Brasilien die nächste Chance, in den Fokus der sportbegeisterten Öffentlichkeit zu rücken. Der beste Weg dahin wären gute Ergebnisse in der Gruppe mit Deutschland, Ghana und Portugal. Terrence Boyd will seinen Teil dazu beitragen. Auf dem Platz als Stürmer und als DJ in der Kabine. (Text: Johannes Hofer, Foto: Dieter Brasch)

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