Zentralmatura offenbart Bankrott schulischer Fachkultur

Leserkommentar12. Mai 2014, 14:10
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Ein Universitätsprofessor veranschaulicht die Vernachlässigung von Literatur bei der Zentralmatura

Während sich die öffentliche Diskussion noch um die offenkundigen Probleme bei der Durchführung der Zentralmatura – bedauerlich, aber wohl behebbar – dreht, sollte sie sich besser den Inhalten zuwenden, die österreichischen Maturantinnen und Maturanten bei der Deutschmatura zugemutet wurden. Diese Zentralmatura offenbart einen vollständigen Bankrott schulischer Fachkultur von oben – in sachlicher, ästhetischer und politischer Hinsicht. In den letzten Jahren verschwindet die Literatur ohnehin zusehends aus der Schule; vielleicht ist ihr damit ein guter Dienst geleistet, wenn man sieht, was dort an höchster Stelle mit ihr angestellt wird.

Weniger Literatur

Literatur, einstmals stolze Domäne des Deutschunterrichts, findet sich bei der Zentralmatura aus Deutsch ohnehin zurückgestuft auf das Beleg- und Diskussionsmaterial zu einer halben von drei zur Wahl stehenden Aufgaben; dieses Restsechstel einer literarischen Kultur wird heuer vertreten durch einen eineinhalbseitigen Text von Manfred Hausmann („Die Schnecke", 1947), gefordert ist eine "Textinterpretation" (mit "zwischen 405 und 495 Wörtern"). (Die zweite Hälfte der Aufgabe bildet – ohne Zusammenhang mit der ersten – eine "Erörterung" zum Thema "Drei-Schluchten-Damm"/China, selbe Länge.)

Schlechte Auswahl des Textes

So exakt jedoch der Umfang der Antworten angegeben ist, so fahrlässig sind die Verantwortlichen für die Zentralmatura bei der Auswahl des Textes vorgegangen; und wird von ihnen als Aufgabe die Erörterung der "Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft" gestellt, so haben es die Veranstalter dieses Unfugs, für dessen Erledigung man in Österreich die Universitätsreife erwirbt, erheblich an Verantwortung fehlen lassen.

Dass der Text selbst ein Missgriff gewesen ist, wurde von der IG Autoren und von germanistischen Fachkollegen bereits alarmiert bemerkt (Salzburger Nachrichten, 8.5.2014: "Zumutung für die Schüler"); auf das in jüngerer Zeit verstärkt diskutierte NS-Mitläufertum Hausmanns, der erst als jugendbewegter Idylliker, später als protestantischer Erbauungsschriftsteller hervorgetreten ist, wurde hingewiesen. Die einfachste Google-Abfrage zu "Manfred Hausmann" im Vorfeld hätte gezeigt, dass man hier kontextualisieren hätte müssen, oder noch besser, die Finger davon lassen.

Aber auch wenn das dem Vernehmen nach ausreichend ausgestattete BIFIE ausgerechnet an der EDV-Ausstattung gespart haben sollte, hätten die Verantwortlichen bemerken können, dass hier etwas nicht stimmt. Der Text ist nämlich in jenem unerträglichen, jeden klaren Gedanken vereitelnden Gestus des Raunens gehalten, der aus Gegenaufklärung und Antimoderne aller Spielarten bekannt ist; in einem "Jargon der Eigentlichkeit", der in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen speziellen Hautgout hatte ("ob der Mensch, weil er ein Wissender und Wollender ist, an der Natur und also auch an sich selbst schuldig werden muß"; "er ist ja ein Mensch, er besteht ja auch noch aus Bewußtlosigkeit und träumendem Blut").

Kein Kontext

Ohne zeitgeschichtlichen Kontext sind weder Sprache noch Gegenstand des Textes verständlich, noch viel weniger seine Strategien. Schon im Erscheinungsjahr des Textes war sein Autor in eine Reihe von Debatten verstrickt und musste sich kompromittierende Artikel aus der NS-Zeit vorhalten lassen.

Die Zusammensteller der Matura haben diesen nur oberflächlich frisierten Kitsch, der bestenfalls als verquaster Nachkriegsexistenzialismus durchgehen könnte (Hausmann gab sich als "Traditionalist"), offenbar als Indiz für ökologisches Bewusstsein missverstanden, das zeigt die Unterbringung beim Thema "Umwelt und Gesellschaft". Gut.

Aber wie kann man dann nicht wenigstens merken, wie meilenweit dieser Kitsch von jungen Menschen heute – glücklicherweise – entfernt ist, so weit, dass er völlig unverständlich geworden sein muss? Und dass der Literatur, die gerade bei Jüngeren in einem scharfen Konkurrenzkampf um mediale Aufmerksamkeit steht, damit nicht nur kein Gefallen getan wird, sondern dass sie, in dieser Weise präsentiert, nicht ganz zu Unrecht als abstruse schulische Pflichtübung erscheinen muss?

Das alles ist unverantwortlich gegenüber Schule und literarischer Kultur gleichermaßen: und gegenüber den Kandidatinnen und Kandidaten, denen ohne Not ein Text eines Autors vorgesetzt wird, der sie nichts angeht; den sie überdies der falschen Gattung zuordnen sollen (der dem Deutschunterricht nicht auszutreibenden "Kurzgeschichte"); den sie aber ernstnehmen und, so werden sie vermuten, auch gut finden sollen.

Schulischer doublespeak

Damit werden sie zu einem schulischen doublespeak gezwungen, das alle ästhetische und sprachliche Sensibilisierungsarbeit, um die täglich im Unterricht gerungen wird, am Ende von zentraler Stelle desavouiert. Zudem: Alle Arbeit am Kanon, die Literaturwissenschaft, Fachdidaktik und engagierte Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Jahrzehnten geleistet haben, hätte zum Verschwinden gerade solcher Aufgaben führen müssen.

Schließlich fragt man sich, was – "Umwelt und Gesellschaft"! – ein solcher misslungener, problematischer und apologetischer Text eines norddeutschen Kleinmeisters und gewesenen Erfolgsschriftstellers über die unabänderlich grausame Menschennatur mit Lebensrealität und Problembewusstsein heutiger junger Erwachsener hierzulande zu tun haben soll. Hoffentlich gar nichts. Die Weltliteratur hat ausreichend viele Texte zustande gebracht, mit denen und an denen sich etwas lernen, erkennen und diskutieren ließe, lange und kurze; und gerade die österreichische Literatur hat in den letzten Dekaden bekanntlich sehr viel ästhetische Arbeit in die Dekonstruktion solcher Schneckenmythologie (oder –mystik, s.u.) investiert.

Vergleich mit alten Beispielen

Verglichen mit einer standardisierten Matura von 2014 müssen Aufgaben für die Maturajahrgänge von 1900, wo etwa ein Schiller-Zitat in staatsbürgerlicher Absicht interpretiert werden sollte, nachträglich als seriös, sinnvoll und realistisch bewertet werden, zumal vor dem Hintergrund einer damals selbstverständlich vorausgesetzten Lektüre und Behandlung des "Ganztextes", wie das heute heißt, des betreffenden Dramas.

Solchen Lektüreexzessen wirkt heutzutage ohnehin die Zentralmatura entgegen. Für sie kommen – aus Gründen der Chancengleichheit – nur Kurztexte in Frage, die kein besonderes Kontextwissen voraussetzen; also Texte, über die man nichts weiß und an denen man dann textanalytische Kompetenzen beweisen können soll. Dass das mit literarischen Texten so nicht geht, zeigt die Interpretation der „Schnecke" durch die Aufgabenstellung – noch bevor eine Maturantin oder ein Maturant sich daran versucht hat.

Man kann nur hoffen, dass das alles aus Achtlosigkeit, Phantasiemangel, Unbelesenheit und Unbildung geschehen ist; und dass sich nicht in Zukunft der Literaturunterricht an etwas orientiert, von dem die Schulpraxis leider jetzt annehmen wird müssen, es würde höheren Ortes zur Zentralmatura vorausgesetzt. Hätte man die Aufgabenstellungen, die immerhin zu einem Heft von 18 Seiten mit Impulstexten und Aufgabenprosa angewachsen sind, doch gleich ebenso zu drucken vergessen wie das im Fall der hier glücklicheren Mathematik passiert ist, Umwelt und Gesellschaft hätten es danken müssen.

Vom schönen Grauen

P.S.: Einer der aberwitzigsten Sätze aus dem zu interpretierenden Matura-Text ist der vorletzte, der „Mann" hat die eben noch bewunderte "kleine Schnecke" zertreten, um seinen Salat zu schützen, er lautet: "Ein mythisches Grauen steigt in ihm auf." Er stammt aber gar nicht von Hausmann, sondern, wie andere Textverbesserungen des abgedruckten Originals auch, vom BIFIE. Bei Hausmann heißt es nämlich am als Quelle angegebenen Ort (der Erstausgabe Berlin 1947, S. 20): "Ein mystisches Grauen steigt in ihm auf." Man weiß gar nicht, was schöner ist. (Leserkommentar, Werner Michler, derStandard.at, 12.5.2014)

Werner Michler ist Universitätsprofessor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Salzburg.

  • Die Aufgabe bei der Matura zum Download.

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