Zu Gast in der Poserhauptstadt Berlin

12. Mai 2014, 18:58
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Nicht immer halten toll gestaltete Lokalwebseiten das, was sie bildgewaltig versprechen - Ein kulinarischer Streifzug durch Berlin

Da war es letzte Woche in Berlin mal wieder soweit: die Hotels ausgebucht und die Stadt voll mit Menschen so wie ich aus der digitalen Welt. Denn die Re:publica hat sich drei Tage in Berlin, dem kreativen Zentrum Deutschlands, breit gemacht und daher ist das auch ein guter Zeitpunkt für eine kulinarische Ist-Aufnahme der Bundeshauptstadt.

Berlin ist hart und weich, laut und leise gleichzeitig. Denn Berlin, die Stadt ohne Zentrum, breitet sich auf einer vergleichsweise großen Fläche aus und der Unterschied zwischen den einzelnen Gebieten ist immens: Kottbuser Tor versus Prenzlauer Berg. Ich mag Berlin als Gesamtpaket sehr, aber gleichzeitig nicht alle Ecken und Auswirkungen der Gentrifizierung.

Reinfall

Offen für alles, fahre ich daher mit großem Hunger zum Kottbuser Tor, um das koreanische Lokal Kimchi Princess auszuprobieren, das in aller Munde ist und laut Homepage Gutes verspricht. Was präsentiert wird, bringt mich allerdings zum Gruseln und ist der größte Reinfall seit langem. Als "Angry Chicken Korean Fried" angepriesen, werden erbärmliche Hühnerflügel frittiert mit Pommes Frittes serviert. Geht bitte noch ein bisschen mehr Fett? Bis dahin dachte ich ja immer, schlimmer als Kentucky Fried Chicken geht es nicht.

Selbst der einfache koreanische Klassiker ist bestell-unwürdig, denn das Bulgogi ist kalt und der Reis schlecht. Alles essbar natürlich, aber weit unter den Erwartungen, die durch die Homepage geweckt wurden.

Auf dieses Phänomen der "Bild-Produkt-Schere" trifft man in der Gastronomie Berlins häufig. Als Zentrum der Kreativen und der Social-Media-Szene sind die meisten Lokale Berlins mit den "hippesten" Grafiken und Internetauftritten ausgestattet, von denen Lokale in Österreich nur träumen können. Kein Wunder aber auch, dass es bei der Umsetzung in die Realität oft hapert. Top ausgebildete Geistes- und Naturwissenschaftler, die sich oftmals aufgrund der wenigen Arbeitsplätze auch in die Gastro wagen, haben das Lokalangebot in Berlin besonders und das Ambiente sinnlicher gemacht, aber die Qualität der Speisen nicht gleichzeitig verbessert.

Brot & Ei

Nur die wenigsten, der von mir getesten Lokale konnten aber meine Erwartungen aufgrund des Gesamtauftritts erfüllen. Einen guten und wichtigen Beitrag zur Verbesserung des ansonsten misslichen Brotangebotes in Berlin leistet die Bio-Bäckerei "Zeit für Brot", die mit einer Schaubäckerei und kleinem Café zum Verweilen einladen. Die Bild-Produkt-Schere in Form einer Mohnschnecke, die apropos auch gerade wahnsinnig "in" ist in Berlin, kann ich leider auch berichten.

Dominiert von buttrigem Germteiggeschmack, sind die spärlich verwendeten ganzen Mohnkörner nur schön fürs Auge, tragen aber ansonsten nichts zum Geschmackserlebnis bei.

Das Brot im ansonsten reduzierten Café Liebling schmeckt zur Abwechslung mal wirklich gut und formiert mit dem nach langer Wartezeit servierten weichen Bio-Ei ein schönes kleines Frühstück nach meinem Geschmack.



Gerade mal ums Eck befindet sich allerdings mein großer Favorit in Berlin, das japanische Restaurant Sasaya, in dem authentische japanische Küche auf hohem Niveau preisgünstig kredenzt wird. Von diversen Gemüsegerichten bis hin zu Nato- und Chirachi-Sushi hebt dieses Restaurant mit jedem Bissen meine Laune.

Sasaya ist ein alter Hase in der Berliner Restaurantszene und hält seit Jahren dieses gute Niveau. Eine Bild-Produkt-Schere gibt es hier ausnahmsweise mal andersrum, denn die Homepage vom Sasaya verspricht nichts, aber hält viel.

Wer nach genau so einer Bild-Produkt-Schere in der deutschen Küche sucht, wird im Restaurant Mundvoll glücklich werden,...

...wo das hausgemachte Zwiebelbrot herrlich zum mit wilden Blumen und Kräutern marinierten Mozzarella harmoniert und die Königsberger Klopse selbst mich glücklich machen.

Wollen Sie mehr von den kulinarischen Reisen und Erlebnissen erfahren, dann besuchen Sie ihren Blog Gib Bianca Futter! oder folgen Sie ihr auf Facebook. (Bianca Gusenbauer, derStandard.at, 12.05.2014)

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