Die Jungs aus den Traueranzeigen

Essay12. Mai 2014, 15:27
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Der jugoslawische Geheimdienst hat seine Verbrecher in den Westen "exportiert". Dieses System haben Slobodan Milošević und seiner Kamarilla "privatisiert"

"Jeder Staat hat eine Mafia, doch Serbien ist der einzige Staat, den eine Mafia hat." So beschreibt der Volksmund den Alltag Serbiens und vor allem der Hauptstadt Beograd vom Anfang der 1990er-Jahre bis zum Mord am serbischen Premier Zoran Djindjić am 12. März 2003.

Die jüngste Geschichte Serbiens kann ohne die (Spitz-)Namen von Verbrechern wie Arkan, Legija, Frenki oder Knele nicht erzählt werden. Doch zugleich ist es eine Geschichte, die vom Staatssicherheitsdienst ("uprava državne bezbednosti"), kurz UDBA genannt, mitgeschrieben wird und deren Anfänge in die frühen 1970er-Jahre zurückreichen. Ich möchte meine österreichischen Leser in einem mehrteiligen Essay damit vertraut machen.

 

Teil 1

Asphalt und Blut


Warten, schießen, beglaubigen

Es ist der 25. Februar 2000. In den letzten Sekunden seines Lebens, eineinhalb Stunden vor Mitternacht, versucht Radoslav Trlajić, besser bekannt als Bata Trlaja, aus einem Straßengraben nahe seiner Wohnung in der Betonwüste von Novi Beograd zu kriechen. Sein BMW steckt im Straßengraben fest, hat dutzende Einschusslöcher im Blech, und das Benzin aus dem durchschossenen Tank prasselt auf den gefrorenen Schlamm. Bata Trlaja kann nicht gehen oder laufen, weil er von mehreren Kugeln aus einem AK47-Sturmgewehr und einer Heckler & Koch-Maschinenpistole getroffen ist. So haben es die Träger dieser Waffen nicht besonders eilig. Vielleicht nehmen sich die Mörder von Bata noch die Zeit, ihn mit Beleidigungen ins Jenseits zu verabschieden. Weil sie das aus Filmen kennen oder weil es so Brauch unter Gangstern ist. Dann setzt der Mann mit dem "kalaš" den Lauf auf Trlajas Kopf und feuert eine Kugel ab.

Dieser letzte Schuss in das Hirn eines Sterbenden heißt unter Gangstern und im Volksmund "overa", Beglaubigung. Und der Modus Operandi für diese Art Hinterhalt erhält den Namen "sačekuša", abgeleitet vom Tätigkeitsverb für das Abwarten des Eintreffens einer Person oder eines Ereignisses. In diesem Fall ist die Person ein bekannter Belgrader Gangster und das anschließende Ereignis ist seine Ermordung. Die Mörder kommen fast immer als Dreierteam oder "trojka", bestehend aus zwei Schießern und einem Fluchtwagenfahrer. Die Waffen sind immer Kriegsgerät mit Kosenamen wie "kalaš", "heklerica" oder "škorpion", großkalibrige Pistolen und Revolver bekannter europäischer und amerikanischer Hersteller und - selten, aber doch - Bomben und Panzerfäuste. Die Fluchtautos sind fast immer viertürige Turbolimousinen von BMW oder Audi.

Und Bata Trlaja ist das typische Ziel und Opfer einer sačekuša.

Die toten Krokodile

Nur wenige Jahre zuvor, 1994, prägt Trlajić den Spruch, der ihn in ganz Serbien bekannt macht: "Kleiner Tümpel - viele Krokodile". So erklärt Bata Trlaja vor laufender Kamera die Welle ungeklärter Morde im Krim- und Politestablishment, die seit mehreren Jahren Belgrad in Atem hält und oft auch Unbeteiligte das Leben kostet. Die Kamera, die Trlajas Vergleich festhält, ist Teil der Ausrüstung der Dokumentarfilmer Aleksandar Knežević und Vojislav Tufegdžić, die eine heute legendäre TV-Doku mit und über die Gangster von Belgrad drehen, die sich selbst als Asphalt-Samurai empfinden. Der Titel, den Knežević und  Tufegdžić ihrem Film geben, ist Programm und Prophezeiung zugleich: "Vidimo se u čitulji" - Wir sehen uns in den Traueranzeigen.

Die beiden Journalisten haben keine Probleme, Interviews mit den härtesten Jungs der Stadt zu vereinbaren. Freimütig erzählen die Gangster über ihren Werdegang und ihre "Geschäfte", ihre Feinde und Freunde und das Leben als Verbrecher. Die übrigen Bewohner der Stadt und des Landes nennen sie verächtlich "Normalsterbliche", weil jeder Tag in ihrem Leben heftiger und orgiastischer ist als alle Tage im Leben ihrer Mitmenschen. Noch während der Dreharbeiten zu "Vidimo se u čitulji" werden drei der Interviewpartner erschossen, alle anderen im Lauf weniger Jahre. Der einzige heute noch lebende Gangster aus dem Dokumentarfilm ist Aleksandar "Kristijan" Golubović, der gegenwärtig eine Haftstrafe wegen Drogenhandels verbüßt.

Als Bata Trlaja seinen Spruch von dem zu kleinen Tümpel prägt, ist er Chef des Neu-Belgrader Klans und bereits eines der größeren Krokodile der Stadt. In der Nacht seiner Ermordung ist er 37 Jahre alt, besitzt den Fußballklub FK Bežanija, mehrere Bars und Restaurants und einen blühenden "Verleih" von "Tänzerinnen" für Nachtclubs in ganz Serbien. Den Grund für seine Beseitigung vermutet man in einem schiefgegangenen Kokaindeal, bei dem Trlaja den Lieferanten zwei Millionen Euro schuldig bleibt.

Und bei unbezahlten Rechnungen im Drogengeschäft gibt es keine Mahnbriefe, nur die Exekution.

Die neuen Idole

Dass die Gesprächspartner der beiden Dokumentarfilmer so ungehemmt, fast fröhlich und sichtbar stolz über ihr Leben jenseits der roten Linie plaudern, liegt an ihrem Status als neueste Pop-Ikonen in einer Gesellschaft, die, durch Diktatur und Krieg verarmt und abgestumpft, zusehen muss, wie das gute Leben woanders stattfindet.

Grell sichtbar und gänzlich schamlos präsentiert eine kleine Elite aus Günstlingen und Handlangern des Regimes, loyalen Unterhaltungskünstlern, Verlegern und Kriegsgewinnlern ihren Reichtum. Ihre Feste und fröhlichen Zusammenkünfte, wie zum Beispiel die "Hochzeit des Jahrhunderts" des Kriegsverbrechers und Königs aller Gangster Serbiens Željko Ražnatović Arkan mit dem jungen Turbo-Folk-Sternchen Svetlana Veličković Ceca, werden in Echtzeit vom Staatsfernsehen direkt in die Wohnzimmer der verarmten Massen übertragen.

So werden Verbrecher zu Idolen und Verbrechen zum möglichen, Erfolg bringenden und erstrebenswerten Lifestyle für eine ganze Generation junger Männer in Serbien. Blutjunge Gangster wie Aleksandar Knežević Knele prägen sogar die Mode. In dieser Zeit stolzieren Tausende noch jüngerer Ausgaben von Knele durch die Stadt: kurzrasierter Schädel, eine teure Trainingsjacke, die in der Markenjean steckt, Turnschuhe aus Leder, am Nacken Gold bis zum Bandscheibenvorfall.

Und in der Tasche eine jener Feuerwaffen, die in Divisionsquantitäten aus dem Krieg in die Städte Serbiens strömen.

Das Staatsgeheimnis

Als nach der Ermordung von Zoran Djindjić zusammen mit dem Dschungel der kriminellen Organisationen auch der Geheimdienst UDBA ein wenig gestutzt wird, entdecken die Ermittler in einem Safe des Dienstes über 600 Kilogramm reines Heroin. Das ist das Ende eines - ist man nur zynisch genug - genial zu nennenden Planes, der im Kopf des slowenischen KP-Chefs Stane Dolanc irgendwann Mitte der 1970er-Jahre herangereift sein soll.

Dolanc ist zu dieser Zeit die Nummer zwei in der jugoslawischen Führung und beauftragt den Geheimdienst, die jugoslawischen Verbrecher in den Westen zu exportieren. Božidar Spasić, neun Jahre lang Chef der dafür geschaffenen Sonderabteilung im Geheimdienst, beschreibt das so: "Wir haben diesen Leuten Begünstigungen gewährt." Zu diesen Boni gehörten das Ignorieren von internationalen Haftbefehlen und die Fabrikation perfekt gefälschter jugoslawischer und internationaler Reisepässe. "Die haben dann in Jugoslawien das Geld ausgegeben und keine Probleme gemacht. Wenn das Geld aufgebraucht war, sind sie aufgebrochen zu einer neuen Tour in den Westen." So erklärt Spasić den Deal zwischen Bankräubern, Einbrechern, Schutzgelderpressern, Betrügern, Menschenhändlern, Drogendealern und dem Geheimdienst der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien.

Doch Dolanc denkt noch einen Schritt weiter. Besonders "fähige" Gangster werden auch eingesetzt, um die antikommunistische Emigration zu beobachten, zu unterwandern und gelegentlich mit Auftragsmorden kopflos zu machen. Halb im Scherz sagen manche, der listige Dolanc habe dem Überpartisanen Tito seinen Plan als subversive Zersetzungsstrategie gegen den Kapitalismus und die ideologischen Feinde in der Diaspora verkauft. Im Parteijargon ihrer Generation ist das durchaus denkbar.

Dieses System, das Stane Dolanc als Taktik im Klassenkampf erfindet, wird von Slobodan Milošević und seiner Kamarilla schlicht "privatisiert" und hemmungslos intensiv zur Installierung und dem Erhalt von politischer Macht und persönlicher Bereicherung genutzt. Doch mit dem Beginn der jüngsten Balkankriege tritt ein Bumerangeffekt ein. Aus allen europäischen Ländern strömen Kriminelle aller Kaliber in ihre ethnischen Heimaten zurück, wo sie an die "heimischen" Gangster geraten. Das bewirkt eine Explosion der Kriminalität in allen am Krieg beteiligten Republiken, am meisten jedoch in Bosnien und Serbien. (Bogumil Balkansky, 12.5.2014, daStandard.at)

Lesen Sie im nächsten Teil:

DIE HEFTIGEN JUNGS

Wie alles begann:

Ljubomir Magaš aka „Ljuba Zemunac"- Boxer, Streetfighter, Vergewaltiger, Gangster und der Pate von Frankfurt

Das Raubtier:

Željko "Arkan" Ražnatović  - Taschendieb, "Der Räuber mit der Rose", Auftragskiller, Kriegsverbrecher, Politiker und einer der bekanntesten Serben nach Slobodan Milošević

Die jungen Wilden:

Aleksandar "Kristijan" Golubović – Räuber, Muskelberg, Kickboxer, Gangsterboss und Drogenhändler

Quellen für das Essay:

Dokus: "Vidimo se u čitulji", "Dosije: državna tajna", "Goli život"

Presse: Jutarnji List, Večernji List, Slobodna Dalmacija, Politika, Novosti, BiH Dani, Slobodna Bosna

TV: "60 Minuta", "Nedjeljom u dva", "Dnevnik"

  • Fahndungsfotos der im Mordfall "Arkan" Verhafteten: Dobrosav Gavric, Vujadin Krstic und Dejan Pitulic.
    foto: apa

    Fahndungsfotos der im Mordfall "Arkan" Verhafteten: Dobrosav Gavric, Vujadin Krstic und Dejan Pitulic.

  • Gangster Željko Ražnatović Arkan bei seiner Hochzeit mit dem Turbo-Folk-Star Svetlana Veličković Ceca. Zu sehen: "folkloristisches" Schießen aus großkalibrigen Waffen.
    foto: petar kujundzic/reuters

    Gangster Željko Ražnatović Arkan bei seiner Hochzeit mit dem Turbo-Folk-Star Svetlana Veličković Ceca. Zu sehen: "folkloristisches" Schießen aus großkalibrigen Waffen.

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