#BringBackOurGirls: Der umstrittene Nutzen des Hashtag-Aktivismus

12. Mai 2014, 10:24
140 Postings

Engagement über soziale Medien zwischen moralischer Selbstbefriedigung und realer Wirkung

Es ist geradezu ein Paradebeispiel für das, was gerne als Hashtag-Aktivismus umrissen wird: In den vergangenen Tagen wurden mehr als eine Million Tweets mit dem Hashtag #BringBackOurGirls verfasst. Auch zahlreiche Prominente beteiligen sich mittlerweile an der Kampagne, etwa zuletzt der österreichische Fußballer David Alaba.

Aufmerksamkeit

Ziel ist es, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Entführung von 250 Schulmädchen durch die fundamentalistische Boko-Haram-Miliz zu lenken. In Fragen Öffentlichkeitsarbeit kann die Kampagne durchaus als Erfolg angesehen wird, zugleich steht sie aber auch gut für die umstrittene Geschichte des Hashtag-Aktivismus, wie die Washington Post betont.

Kritik

So lautet ein oft erhobener Vorwurf gegen Hashtag-Aktivismus, dass dies "fauler" Aktivismus sei. Eine Form des Handelns, die primär dem Gewissen der Handelnden dient, ohne sich aber tatsächlich für die Details interessieren oder gar irgendeine Form von Risiko eingehen zu müssen. Genau in diese Kerbe schlägt etwa der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole, der #BringBackOurGirls mittlerweile öffentlich kritisiert. Boko Haram habe alleine in den vergangenen 24 Stunden mehr Menschen getötet, als die entführten Mädchen an der Zahl seien. Solche grausame Realitäten würden ignoriert, sie seien nicht unter einem Hashtag zusammenzufassen, der nicht viel mehr als eine Welle globaler Sentimentalität zum Ausdruck bringe.

Geschichte

Ähnliche Vorwürfe begleiten den Hashtag-Aktivismus von Beginn an: Ursprünglich vor allem als - übrigens durchaus negativ gemeinter - Begriff rund um die "Occupy Wallstreet"-Bewegung geprägt, war #Kony2012 eine der ersten großen Kampagnen - und gleich eine, die sich als besonders problematisch herausstellen sollte.

#Kony2012

Gegen den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony gerichtet, war der Auslöser eine US-amerikanische Dokumentation zu dem Thema. Es handelte sich also nicht um ein lokale Kampagne, die von außen unterstützt wurde, sondern um eine rein externe Sicht - samt zahlreicher überheblicher Untertöne. Viele, die #Kony2012 unterstützt haben, wüssten nicht einmal, wo Uganda liegt, so der immer wieder geäußert Vorwurf.

#JusticeforTrayon

Doch bei aller Kritik wäre es zu einfach, Hashtag-Aktivismus so schnell abzutun. Ein gutes Beispiel, dass durchaus etwas erreicht werden kann, zeigte #JusticeforTrayon. Der Falle eines unbewaffneten Jugendlichen, der von dem Angehörigen einer Bürgerwehr in Florida erschossen wurde, wäre fast ohne großes Aufsehen ad acta gelegt worden, wären da nicht eine Welle der öffentlichen Empörung dazwischen gekommen, die alleine zwischen März und April 2012 in 2,8 Millionen Tweets ihren Ausdruck fand. Und auch wenn der Täter schlussendlich freigesprochen wurde, hat die Kampagne doch in den USA eine breite Diskussion über das sehr weit gefasste Recht auf "Selbstverteidigung" mit der Waffe ausgelöst, die bis heute nachwirkt.

Einschätzung

Für eine endgültige Beurteilung von #BringBackOurGirls ist es natürlich noch zu früh, aber trotz der Kritik  von Cole dürfen einige positive Faktoren nicht übersehen werden. Die Kampagne wurde tatsächlich in Nigeria initiiert ist also nicht bloß Ausfluss westlich-imperialistischer Sichtweise. Zudem hat sie bereits dazu geführt, dass die USA, Großbritannien und Frankreich versprochen haben, bei der Suche zu helfen. Dass die Twitter-Öffentlichkeit die radikal antimoderne Boko Haram davon abbringen wird, die jungen Frauen - wie angekündigt - an Sklavenhändler zu verkaufen, darf allerdings bezweifelt werden. (apo, derStandard.at, 12.5.2014)

  • Auch der österreichische Fußballer David Alaba engagiert sich für #BringBackOurGirls. Der reale Wert solcher Kampagnen ist von Anfang an umstritten.
    screenshot: derstandard.at

    Auch der österreichische Fußballer David Alaba engagiert sich für #BringBackOurGirls. Der reale Wert solcher Kampagnen ist von Anfang an umstritten.

Share if you care.