Schimpftiraden in Italien: Wahlkampf der gereizten Töne

12. Mai 2014, 11:41
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Verleumdungen und Tiefschläge dominieren Italiens Wahlkampf, den Beppe Grillo um jeden Preis gewinnen will.

"Matteo Renzi gehört beseitigt wie verfaultes Obst". Ein Blatt hat sich Beppe Grillo noch nie vor den Mund genommen. Doch im EU-Wahlkampf fährt der Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung schwere Geschütze auf. Jeden Abend drischt er vor tausenden Anhängern blindlings auf seine Gegner ein - darunter versteht er alle, die nicht zu seinen Anhängern gehören. Renzi attackiert er als "vulgären Lügner, der vom armen Provinztrottel zum Premier aufgestiegen" ist, den Partito Democratico als "ekliges Reich der roten Pest". Journalisten, die ihm nicht genehm sind, werden in seinem Blog als "tendenziöse Schreiberlinge" an den Pranger gestellt. Der linke TV-Moderator Michele Santoro schlägt zurück und droht mit Gegendemonstrationen: "Grillo verfügt weder über das Recht noch über die moralischen Qualitäten, um Urteile zu fällen."

"Blutbad" angekündigt

Der Wahlkampf ist in Italien zu einer Schlacht ausgeartet: "Wir sind im Krieg," brüllt Grillo, "es wird ein Blutbad geben." Pöbeleien und Tiefschläge dominieren den aggressiven Wahlkampf. Silvio Berlusconi rückt Grillo in die Nähe von Stalin und Hitler. Renzi: "Mit diesen beiden Vorbestraften werde ich nie regieren." Grillo hält den Premier für "eine kranke Person, die beseitigt werden muss". Andererseits gesteht er Berlusconi zu, nicht "völlig falsch" gelegen zu sein, als der den derzeitigen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz 2003 als "Kapo" bezeichnet und damit mit einem KZ-Wächter verglichen hat. Grillo bringt Schulz in seinem Blog zugleich in Verbindung mit Comic-"Sturmtruppen" und betitelt ihn als "Krapo", eine Zusammenziehung aus Kapo und "crapun". Dabei handelt es sich um ein italienisches Dialektwort, das einen großen Kopf bezeichnet und häufig auf den italienischen Diktator Benito Mussolini angewendet wurde.

Verlierer Forza Italia

Lega Nord und Fünf-Sterne-Bewegung attackieren die etablierten Parteien mit populistischen Tönen und machen Stimmung gegen den Euro. "Wir gehen nicht nach Brüssel, um zu verhandeln, sondern um vor Angela Merkel die Verträge zu zerreißen, die Italiens Regierungen unterschrieben haben", versichert Grillo unter dem Jubel seiner Anhänger.

Die Realität sieht freilich anders aus. Obwohl der Ex-Komiker keine Zweifel daran lässt, "dass wir diese Wahlen klar gewinnen", liegt seine Bewegung in Umfragen fast zehn Punkte hinter Renzis PD. Der jüngste Korruptionsskandal um die bevorstehende Weltausstellung in Mailand könnte ihm zusätzliche Stimmen bescheren. Doch auch bei einem optimalen Ergebnis wird seine Bewegung nur rund 20 der 751 EU-Abgeordneten stellen. Zwei Verlierer stehen in Italien bereits vor dem Wahltag fest: Forza Italia droht ein Absturz von 35 auf 20 Prozent. Und die linke Tsipras-Liste mit ihren prominenten Intellektuellen, die zehn Prozent als realistisches Wunschziel verkündet hatten, liegt in Umfragen unter der Sperrklausel. Berlusconis Einschaltquoten sinken, die von ihm versprochene Verdoppelung der Mindestrenten gehört zur Flut kühner Wahlversprechen, denen längst niemand mehr Glauben schenkt. Die Verhaftung mehrerer Forza-Italia-Spitzenvertreter trägt zur weiteren Untergrabung der angeschlagenen Glaubwürdigkeit bei.

Drei Kontrahenten mit gewissen Ähnlichkeiten

Der Wahlkampf wird in Italien nicht zwischen Parteien geführt, sondern zwischen den drei großen Kontrahenten Renzi, Grillo und Berlusconi. Die weisen trotz offenkundiger Gegensätze etliche Gemeinsamkeiten auf. Alle drei verfügen über ein ausgeprägtes Ego, stehen gerne allein auf dem Podium und neigen zu monarchischen Entscheidungen. Alle drei sind gewandte Populisten, mischen sich gerne unters Volk und sehen sich als Retter des Vaterlands und einzige Heilsbringer für ihr heruntergewirtschaftetes Land. Alle drei nehmen für sich in Anspruch, mit den Ritualen der alten Politik gebrochen zu haben, preisen sich als radikale Erneuerer an. Schließlich träumen alle drei von einem Plebiszit für die eigene Person. Ernüchterndes Fazit des unappetitlichen Wahlkampfs: Rund 20 Millionen politikverdrossene Italiener werden sich am 25. Mai gar nicht erst in die Wahllokale bemühen.

Die aggressiv-hysterische Stimmung ist für EU-Wahlkämpfe ungewöhnlich. Mandate in Brüssel gelten in Italien als zweitrangig, denn wer ins EU-Parlament abwandert, verschwindet aus den Medien des Landes. Als bei der 1.-Mai-Kundgebung in Turin Mitglieder des Partito Democratico von jugendlichen Demonstranten tätlich angegriffen wurden, rechtfertigte die Fünf-Sterne-Abgeordnete Laura Castelli die Attacke mit einem gefährlichen Argument: "Das Volk will gewissen Gesichtern auf der Straße nicht mehr begegnen." Welche Stimmung im Wahlkampf herrscht, demonstrierte eine beispielhafte Szene beim TV-Duell zwischen dem PD-Linken Pippo Civati und dem Fünf-Sterne-Abgeordneten Riccardo Fraccaro: Als Civati während der Diskussion mit der Hand zufällig den Ärmel Fraccaros streifte, wischte sich der 33-jährige Parlamentarier angewidert den Rock ab. (Gerhard Mumelter, derStandard.at, 12.5.2014)

  • Beppe Grillo überbietet sich selbst im Ausmaß der Beschimpfungen seiner Gegner.
    foto: reuters/perottino

    Beppe Grillo überbietet sich selbst im Ausmaß der Beschimpfungen seiner Gegner.

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