"Sollen leben, wie sie wollen, die Leute"

Interview12. Mai 2014, 05:30
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Für die SP-Minister Stöger und Heinisch-Hosek ist vieles möglich: Adoptionsrecht für alle, Samenspende für Lesben, gefrorene Eizellen

STANDARD: Herr Minister Stöger, Ihr politischer Background ist die Metallergewerkschaft. Trotzdem kümmern Sie sich häufig um Frauenthemen. Woher kommt das?

Stöger: Mich hat sehr geprägt, als ich einen Betrieb in Gmunden zu betreuen hatte, wo 108 Frauen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Da habe ich erkannt, wie notwendig es ist hinzuschauen. Jetzt als Gesundheitsminister ist mir wichtig: Gibt es frauenspezifische Gesundheitsfragen, wo man nicht hinschaut? Wir haben etwa in meiner Zeit als Chef der oberösterreichischen Kasse die Erfahrung gemacht, dass bei Schlaganfällen in Oberösterreich Männer meist mit dem Hubschrauber geflogen wurden - und Frauen fast nie.

STANDARD: Mit welcher Begründung?

Heinisch-Hosek: Frauen haben oft andere Symptome. Daher brauchen wir Gendermedizin!

Stöger: Vielleicht haben Männer auch eine andere Leidenshaltung.

STANDARD: Männer glauben also, sie sterben, während Frauen meinen, es geht schon?

Heinisch-Hosek: Das könnte ich mir schon vorstellen.

Stöger: Das ist so. Es könnte auch sein, dass die Symptome andere sind, und damit reagiert man anders. Beides spielt eine Rolle.

Heinisch-Hosek: Wir arbeiten gerade intensiv daran, dass Gendermedizin zu einem Zusatzdiplom der Ärztekammer wird. Einige in der Kammer argumentieren zwar, das werde ohnehin gelehrt. Ich behaupte: nicht so, wie es gehört. Es gibt außerdem einen Aktionsplan zur Frauengesundheit. Da haben wir uns eine Fülle von Maßnahmen vorgenommen, etwa die Schaffung eines Frauengesundheitszentrums in jedem Bundesland oder den Ausbau von First-Love-Ambulanzen. Weiters schauen wir uns gemeinsam mit dem Österreichischen Werberat an, inwiefern Werbefotos bearbeitet werden. Auch das Selbstbild der Frauen ist ein gesundheitspolitisches Thema.

STANDARD: Sie plädieren beide für das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Ist das in der SPÖ mehrheitsfähig?

Heinisch-Hosek: Freilich, wir haben Beschlüsse dazu. Es sollten sich alle bewerben dürfen, wenn sie ein Kind adoptieren wollen, und dann mögen die Behörden ermitteln, wer geeignet ist.

STANDARD: Hätten Sie damit gerechnet, ausgerechnet in "Lebensminister" Rupprechter (ÖVP) einen Verbündeten zu finden?

Heinisch-Hosek: Jetzt sind es ja doch schon einige in der ÖVP mit Justizminister Brandstetter und Familienministerin Karmasin - auch sie kann es sich jetzt gerade vorstellen, vor einigen Wochen noch nicht. Ich freue mich darüber, und je mehr wir werden, desto eher kann so eine Sache Wirklichkeit werden.

Stöger: Ich glaube, dass es eine große Gruppe in der ÖVP gibt, die in dieser Frage offener und weiter ist als die Spitze.

STANDARD: Braucht es nicht auch vom Kanzler mehr Verve, um dieses Thema voranzubringen?

Heinisch-Hosek: Es reicht nicht, wenn der Bundeskanzler sagt: "Ich will das." Der Herr Vizekanzler hat bislang noch keine Signale gesendet, dass ihm das ein besonderes Anliegen wäre.

Stöger: Es geht auch darum, das zu tun, wofür die Gesellschaft reif ist. Und ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft reifer ist als manche Parteien.

Heinisch-Hosek: Die Mehrheit sagt ja jetzt schon: Na und? Sollen leben, wie sie wollen, die Leute.

STANDARD: Die ÖVP argumentiert gerne mit dem Kindeswohl. Scheuen Sie die Auseinandersetzung?

Stöger: Das ist zweifelsohne wichtig. Die Frage ist aber: Soll nur die Mama zum Kind? Das Kindeswohl zu verknüpfen mit Ehe, Familie und sonstigen Vorstellungen, das halte ich für überholt.

STANDARD: Da wird es einigen in der ÖVP jetzt die Nackenhaare aufstellen.

Heinisch-Hosek: Die ÖVP beschreibt ein Ideal. Okay. Aber es gibt ja auch in dieser Partei Politiker, die Scheidungen hinter sich haben, neue Familien gegründet haben, geoutete und nichtgeoutete Homosexuelle. Das, was gelebt wird, nicht zu akzeptieren - das geht sich nicht aus. Es sollte niemandem Nackenhaare aufstellen.

Stöger: Ich bin jetzt 53 Jahre alt, und ich habe kaum in klassischen Familienstrukturen gelebt. Dieses Ideal nimmt in einem Lebenszyklus oft nur eine begrenzte Zeit ein.

STANDARD: Anderes Thema: Bis Jahresende muss das Gesetz für Samenspenden repariert werden. Warum braucht es in Österreich immer ein Höchstgerichtsurteil, damit sich bei der Reproduktionsmedizin etwas tut?

Heinisch-Hosek: Hier braucht es wohl noch etwas Geduld. Eigentlich sollte es im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein, dass man nicht nur vom Partner eine Samenspende empfangen darf. Auch für alleinstehende Frauen oder lesbische Paare muss das möglich sein, ohne dass sie ins Ausland fahren müssen.

STANDARD: Ähnlich die Situation bei der künstlichen Befruchtung: Sie beide fordern diese seit Jahren für lesbische Paare, getan hat sich nichts. Warum?

Stöger: Weil das noch nicht mehrheitsfähig ist in der Koalition, und wahrscheinlich auch im Parlament nicht. Menschen sollen ihre Lebensgestaltung selbst in die Hand nehmen. Das ist der richtige Weg. Mir könnte er schneller gehen.

Heinisch-Hosek: Ich glaube nicht, dass die Legislaturperiode zu Ende gehen wird, ohne dass hier etwas passiert.

STANDARD: Bei der Reproduktionsmedizin ist die Wissenschaft der Politik bisweilen voraus - Stichwort Eizellenspende oder Leihmutterschaft. Wo sind für Sie die ethischen Grenzen?

Stöger: Ich glaube, dass die Eizellenspende auf jeden Fall erlaubt werden kann.

Heinisch-Hosek: Dafür wäre ich sofort. Man muss aber genau darauf achten, wie es den Frauen dabei geht, denn das ist mit hormonellen Eingriffen verbunden. Für Leihmutterschaft ist die Gesellschaft noch nicht reif genug. Gegen die würde ich mich noch verwehren. Wobei meine ganz persönliche Meinung ist: Wenn alle Kriterien passen würden, könnte ich mir das vorstellen. Es ist aber in der SPÖ noch nicht ausreichend diskutiert.

STANDARD: Ein weiteres Thema ist das Einfrieren von eigenen Eizellen, das es Frauen ermöglichen soll, die Familienplanung um Jahrzehnte nach hinten zu verschieben. Ist das denkbar?

Stöger: Aus meiner Sicht ist die Freiheit ein großes Element. Wenn eine Frau um die 50 sagt, ich möchte ein Kind haben aus einer Eizelle, die mir mit 30 entnommen wurde - warum nicht? Ob ich das mit 79 noch machen kann, ist eine andere Frage.

Heinisch-Hosek: Als Feministin sage ich: Mein Körper gehört mir, ich mache damit, was ich will. Ich möchte aber hinzufügen: Man sollte nie die soziale Komponente vergessen. Das ist der weiße Mittelschicht-Feminismus: Wer sich das leisten kann, macht's. Die soziale Komponente sollte im Vordergrund stehen - neben einer ethischen. Nicht jede Frau verfügt über die finanziellen Mittel.

STANDARD: Auch die Präimplantationsdiagnostik ist längst möglich, aber nicht erlaubt.

Stöger: Das ist dringend notwendig. Es gibt viele Paare, die darunter leiden, dass sie Embryonen nicht untersuchen lassen dürfen, bevor sie eingesetzt werden.

Heinisch-Hosek: Das sehe ich auch so. Schwangerschaft auf Probe geht gar nicht, finde ich.

STANDARD: Viel Bewegung scheint in der Frage trotz langer Diskussion aber nicht zu sein.

Heinisch-Hosek: Wir dürfen nicht vergessen, da gibt es europaweit Gegenbewegungen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht hinter das Erworbene zurückgehen. Es stimmt auch nicht, dass dann niemand mehr Kinder mit Behinderung bekommen würde. Ich habe selbst drei Jahre lang ein schwerstbehindertes Kind betreut. Das ist erfüllend, das war die beste Zeit meines Lebens. (Andrea Heigl, Karin Riss, DER STANDARD, 12.5.2014)

Alois Stöger (53)

war Kassenobmann in Oberösterreich, bevor ihn die SPÖ 2008 zum Gesundheitsminister machte.

Gabriele Heinisch-Hosek (52)

ist seit 2008 Frauenministerin, 2013 kamen die Bildungsagenden hinzu.

  • Glauben an eine "Gruppe in der ÖVP", die gesellschaftspolitisch weiter ist als die Spitze: Ministerin Heinisch-Hosek (Frauen), Minister Stöger (Gesundheit).
    foto: standard/hendrich

    Glauben an eine "Gruppe in der ÖVP", die gesellschaftspolitisch weiter ist als die Spitze: Ministerin Heinisch-Hosek (Frauen), Minister Stöger (Gesundheit).

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