Geschliffene Wort-Ton-Juwelen

11. Mai 2014, 18:13
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Kurt-Schwertsik-Abend beim "Wean hean"-Festival

Wien - Das vom Wiener Volksliedwerk initiierte Wean hean-Festival hat seit seiner Gründung viel dazu beigetragen, dass das als verstaubt geltende Wienerlied-Genre von jungen MusikerInnen neu entdeckt wurde. Wobei sich mittlerweile etwas Routine eingestellt hat: Während man in den ersten Jahren der nun zum 15. Mal stattfindenden Konzertreihe bemüht war, vielfältigste Brücken in Richtung Jazz, Electronica und zeitgenössische Musik zu schlagen, und dabei etwa Dudlerinnen-Legende Trude Mally gemeinsam mit dem brasilianischen Sänger-Gitarristen Alegrê Corrêa auf der Bühne stand, war die Namensvielfalt in den Programmen der letzten Jahre tendenziell weniger groß.

Dass Wean hean noch immer erfrischende Akzente setzen kann, konnte das Organisatorenteam um Susanne Schedtler und Herbert Zotti anno 2014 mit der Personale der jungen Geigerin Julia Lacherstorfer im Theater Akzent unter Beweis stellen - und letzten Freitag mit einem gelungenen Kurt-Schwertsik-Abend im Ottakringer Bockkeller: In seinen "philosophischen Wienerliedern" wie auch den H.-C.-Artmann-Vertonungen servierte der 78-Jährige kleine geistreiche Wort-Ton-Juwelen.

Christa Schwertsik interpretierte die witzigen bis wehmütigen Lieder mit reifer, brüchiger Stimme, wobei die ariose Kantabilität im Kontext hochdeutscher Texte schlüssiger wirkte als bei Dialekt-Versen, bei denen man lieber vibratolose Schnörkellosigkeit gehört hätte. Wunderschön kamen die vom Koehne-Quartett intonierten Streichquartett-Bearbeitungen von Hermann-Leopoldi-Liedern über die Rampe: Während Schwertsiks Paraphrase von Ein kleines Café in Hernals das Melos genussvoll auskostet, halten die herbstlichen Harmonien jede Sentimentalität auf Distanz.

Geradezu ideal fügten sich Schwertsiks Rezitation und Gesang sowie Streichquartettklänge in der Kurt-Schwertsik-Vertonung von Karl Ferdinand Kratzls Hans im Glück-Nachdichtung ineinander: Kratzl hatte das alte Kindermärchen in eine Erwachsenen-Fabel transferiert, in der der Bauerntölpel zur lebensweisen Figur mutiert, die mit jedem Besitzverlust auch inneren Ballast abwirft. Ein Wean hean-Höhepunkt! (Andreas Felber, DER STANDARD, 12.5.2014)

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