Emotionalität durch die Hintertür

11. Mai 2014, 18:09
posten

Berliner Staatskapelle mit Daniel Barenboim, Philharmoniker mit Riccardo Muti

Wien - Wenn zwei Legenden auf dem Konzertpodium zusammenkommen, garantiert das allein zwar noch lange keine Sternstunde, wohl aber gespannte Erwartung - und die Aura des Besonderen. Maurizio Pollini und Daniel Barenboim schlug im Musikverein denn auch wogender Jubel entgegen - und am Ende echte Begeisterung, in die wohl auch die Erinnerung an lange Laufbahnen floss, zumal beide Jahrgänger von 1942 inzwischen im achten Lebensjahrzehnt stehen. Ihre Interpretation von Brahms' Erstem Klavierkonzert war nicht aus einem Guss: Denn neben Pollinis sachlich-nüchternes Spiel, in das der Pianist Emotionalität gleichsam durch die Hintertür einfließen ließ, die dann durchaus geballt sein kann, trat mit der Staatskapelle und ihrem Generalmusikdirektor ein spätromantisch-breiter Orchesterklang, der dennoch stets markant und differenziert blieb.

Zwischen diesen Polen entwickelte sich allerdings eine selten zu erlebende Spannung, an der auch kleine pianistische Unsicherheiten und das grenzwertige Tempo des (sehr) langsamen zweiten Satzes nichts zu ändern vermochten. So wuchs gerade aus den Unstimmigkeiten atmosphärische Dichte und vor allem größte musikalische Stringenz.

Nach der Pause ließ Barenboim dann gar keinen Zweifel daran, dass er auch Strawinsky aus der Warte des seelenvollen Musikers betrachten möchte, und ließ dessen Sacre du printemps durch wegs espressivo spielen - aber auch allergrößtenteils auf den Punkt gebracht (trotz mancher Unschärfen, vor allem bei den Holzbläsern). Also auch hier: Erfüllung, nicht Perfektion.

Muti und die Messe

Ebendort, also im Musikverein, trafen am Samstag wieder zwei alte Bekannte aufeinander: Dirigent Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker (am Sonntag eröffneten sie mit identem Programm das Musikfest der Wiener Festwochen) sind ja zumeist eines Geistes, so es gilt, üppigen Schönklang mit Präzision zu vereinen. Und es gab bei Felix Mendelssohn Bartholdys Vierter Symphonie A-Dur, op. 90, der "Italienischen", im letzten Satz kurz jene mit sanften Triolenläufen durchsetzten Episoden, bei denen jenes vorgeschriebene Leise tatsächlich in einer Mischung aus Intensität und Diskretion zart erglühte.

Lange Zeit konnte man sich indes des Eindrucks einer gewissen Übergelassenheit, gar Unverbindlichkeit, nicht erwehren. Ins Vernebelt-Üppige tendierte der erste Satz (wo dies möglich war); zu wenig von jener von Muti geforderten dynamischen Differenzierung erklang im zweiten. Und der dritte verharrte in gemütlicher Ausdrucksmitte. Dann immerhin Berlioz' Messe solennelle: Das lange verschollen geglaubte Werk schwankt zwar auch zwischen substanzvoll und nur nett. Muti animiert den in den Höhen sehr geforderten Singverein und die guten Solisten (Julia Kleiter, Saimir Pirgu und Ildar Abdrazakov) aber doch zu einigen delikaten Momenten. (daen, tos, DER STANDARD, 12.5.2014)

  • Breiter Orchesterklang: Dirigent Daniel Barenboim.
    foto: apa/hans punz

    Breiter Orchesterklang: Dirigent Daniel Barenboim.

Share if you care.