"Bringen mehr als 30 Millionen Umwegrentabilität"

11. Mai 2014, 18:02
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Die Intendantin der Mörbischer Seefestspiele, Dagmar Schellenberger, präsentiert "Anatevka" (ab 10. Juli) und eine Gala zur Erinnerung an den Fall des Eisernen Vorhangs

Wien - Es findet sich momentan keine Kulturinstitution, die nicht Subventionserhöhungen einmahnt. Bei den Mörbischer Seefestspielen verhält es sich anders - nämlich noch schlimmer. "Wir bekommen keine Subventionen. Null", so Intendantin Dagmar Schellenberger. "Ich führe jetzt Gespräche. Das Reden übers Geld jedoch ist schwer, da eigentlich keines da ist."

Eingespart habe man bereits, was möglich ist. "Wir haben etwa 15 Techniker da, früher waren es doppelt so viele. Grundsätzlich: Wenn es durch das Sparen an die künstlerische Substanz geht, ist Schuss mit lustig. Das goutieren die Leute nicht. Man muss auch bedenken: Wir bringen der Region weit mehr als 30 Millionen Euro durch Umwegrentabilität. Wenn wir Ende August unsere Tore schließen, ist da sehr viel Ruhe ..."

Was diesen Sommer - mit dem Musical Anatevka - anbelangt, erwartet die aus Oschatz stammende Sängerin zumindest von der Publikumsseite her angenehme Unruhe: "Die kulturellen Angebote werden immer mehr, es gibt allein im Burgenland gut 15 Klassik- und Theaterfestivals und noch weitere darüber hinaus. Die Leute aber haben nicht mehr Geld, selektieren genauer. Wenn das bei uns aber weiter so läuft wie im Vorverkauf, sind wir zuversichtlich. Wir hatten letztes Jahr auch das Glück, dass durch gute Mundpropaganda bei gewissen Vorstellungen nur an der Abendkassa 500 bis 600 Karten verkauft wurden."

Das würde heuer für Kurzentschlossene schwieriger, "da wir bereits Vorstellungen haben, die gut verkauft sind. 80 Prozent Auslastung wäre schon toll, wir schielen aber auf ein bisschen mehr. Ich möchte auch den Wiener Raum und seine Umgebung wieder mehr ermuntern, zu uns zu kommen." Es wird ja auch ein etwas anderes Feuerwerk geben. "Bei Anatevka wollte ich es eigentlich auslassen. Ich wurde aber darauf hingewiesen, dass praktisch alle eines erwarten - es sei hier eine Tradition seit 58 Jahren. Es gibt jetzt eine neue Version, die dem Stück angemessen ist."

Auf der Bühne

Ein wesentlicherer Besuchsgrund könnte darin bestehen, eine singende Intendantin zu erleben: "Bei der Premiere mache ich die Begrüßung - wie bei allen anderen Vorstellungen auch -, dann habe ich 30 Sekunden Zeit, mich umzuziehen. Ich stehe als Golde auf der Bühne. Ich werde das nicht jedes Jahr machen; nächstes Jahr bei Nacht in Venedig bin ich nicht dabei. Aber die Golde ist eine schöne Rolle. Und prinzipiell finde ich es gut, wenn das Festival ein Gesicht hat. Auch deswegen gehe auf die Bühne."

Dabei wird sie womöglich auch von ihrem Vorgänger Harald Serafin gesehen werden, mit dem es im Zuge der Amtsübergabe doch gewisse Spannungen gab: "Wir sind ja nun versöhnt. Er hat das Gespräch gesucht, wir haben uns im Sacher getroffen. Ich habe die ausgestreckte Hand nicht ausgeschlagen. Er wird hoffentlich heuer nach Mörbisch kommen."

Diesbezüglich gäbe es auch eine Gelegenheit abseits der Premiere: An zwei Abenden erinnert Mörbisch an den Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren (13. und 14. 8.): "Das begann ja hier vor der Tür. Als ich 2004 in Mörbisch die Mariza gesungen habe, fuhr ich hier die Gegend ab, die Ereignisse sind ja Teil meiner Geschichte. An dieses Ereignis vor 25 Jahren erinnern Gala und ein Staatsakt." Schellenberger war damals in Berlin und kann sich gut erinnern:

"Ich stand auf der Bühne der Komischen Oper, direkt am Brandenburger Tor. Als ich nach der Vorstellung rauskam, war ein riesiger Trubel. Ich ging nach Hause, drehte den Fernseher auf und sehe, dass die Mauer gefallen war. Ich bin dann los, die Stimmung war explosiv: Vom Westen und vom Osten kamen tausende Menschen, plötzlich gingen die Grenzzäune hoch. Wildfremde Menschen fielen einander in die Arme. Viele sind gleich drüben geblieben, kamen mit Sack und Pack. Man wusste nicht, ob die Grenze nicht nur kurz offenbleiben würde." Doch, sie blieben. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 12.5.2014)

  • Dagmar Schellenberger schlug Harald Serafins Versöhnungsangebot nicht aus: "Wir haben uns im Sacher getroffen."
    foto: apa/georg hochmuth

    Dagmar Schellenberger schlug Harald Serafins Versöhnungsangebot nicht aus: "Wir haben uns im Sacher getroffen."

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