Horváth-Walzer an der schönen blauen Spree

11. Mai 2014, 17:52
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Zum Festwochen-Auftakt gastierte das Deutsche Theater Berlin mit Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" im Wiener Volkstheater. Eine Enttäuschung

Wien - Über der Puppenklinik im achten Wiener Gemeindebezirk dröhnt An der schönen blauen Donau. Die Figuren aus Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald haben an einer Tafel Platz genommen, die in der Tiefe des Raums wie ein Schiffswrack verloren liegt. Finster ist es im Wiener Volkstheater. Nur ein Strauß Luftballons schillert in allen Farben der Verhütungsmittelindustrie.

Die erste Schauspielpremiere der diesjährigen Wiener Festwochen ist ein Geschenk aus Berlin, genauer gesagt: des Deutschen Theaters in der Schumannstraße. Dort hat 1931 auch die Uraufführung des Stückes stattgefunden. Regisseur Michael Thalheimer wähnt sich im Recht. Die Horváth-Menschen bilden in jeder deutschsprachigen Weltecke die Übermacht. Sie ruinieren in den Geschichten ein anständiges Mädchen. Den Tod eines Säuglings nehmen sie obendrein billigend in Kauf. Keine ihrer Regungen ist von des Gedankens Blässe angekränkelt. Das ist es, was sie zu potenziell reißenden Bestien macht.

Als Kleinbürger sind sie im Massenzeitalter bloß Karikaturen ihrer selbst. Die arglose Tochter eines Puppenklinikbetreibers besteht trotz ihrer Gutherzigkeit aus lauter Kalenderweisheiten. Marianne (Katrin Wichmann), die voller Zuversicht in einem rosaroten Wollkleid steckt, sagt zu ihrem nichtsnutzigen Liebhaber in spe: "Mein Gott, wie Sie das alles aus einem herausziehen ..." Worauf Alfred (Andreas Döhler) wahrheitsgetreu antwortet: "Ich will gar nichts aus Ihnen herausziehen. Im Gegenteil." Einen Moment lang herrscht "Stille". Man meint, die ganze Welt wäre in Schweigen versunken, weil sie sich ihrer Bewohner von Herzen schämt.

Menschen wie Präparate

In Wahrheit schämt sich niemand. Regisseur Thalheimer hingegen sind Anwandlungen von Mitleid fremd. Die kleinen Leute behandelt er wie Präparate. Nachdem der Walzer ausgetobt hat, belässt er ein Flirren und Singen in der Luft. Die Geigen schwirren im Diskant, als wäre das Orchester mitten im Vorspiel zu Wagners Lohengrin hängengeblieben (Musik: Bert Wrede).

Die Figuren aber laufen wie Käfer an die Rampe. Der Fleischer Havlitschek (Henning Vogt) besitzt einen Grauen erweckenden Mittelscheitel und ist von oben bis unten mit Blut bespritzt. Sein Chef Oskar (Peter Moltzen) ist Mariannes Bräutigam. Die Spezialität dieses Sadisten sind besonders schmerzhafte Verlobungsküsse. Noch lieber streckt er die ihm Zugemutete mit Handkantenschlägen in den Staub.

Zur Darstellung von Oskars Zwangscharakter hat sich Moltzen eine besonders witzige Nummer ausgedacht. Der kugelbäuchige Mann kramt umständlich in seiner Sakkotasche, ehe er eine Bonbonschachtel ans Licht befördert. Mit Bedacht versucht er, die Goldschleife glattzuziehen. Voilà, die Bonbonniere öffnet sich wie eine fleischfressende Pflanze. Mit dem Ernst eines angehenden Biologen bringt Oskar die widerstrebende Schachtel zur Strecke. Mit der nämlichen geduldigen Umsicht wird er eineinhalb Stunden später auch Marianne niederzwingen. Die ist dann zwar noch keine alte Schachtel, aber vom Leben fürs Erste besiegt. Leider Gottes ist Thalheimer bis dahin nicht mehr viel Amüsantes eingefallen.

Das Kennenlernen der Rennplatzkapazität Alfred ringt Marianne das mädchenhafteste Angela-Merkel-Lächeln ab. Döhler seinerseits ist gerade dabei, sich von der Trafikantin Valerie (Almut Zilcher) zu trennen. Diese hat sich zur Abwehr der unangenehmsten Wechselbeschwerden eine Art Gymnastikprogramm verordnet. Die wunderbare Zilcher tanzt Charleston. Sie wehrt sich beim Schwimmausflug in die Wachau mit Händen und Füßen gegen ihren erotischen Untergang und taxiert wie eine Königsmamba ihr nächstes sexuelles Opfer (Moritz Grove als bundesdeutscher Gast Erich).

Mickrig kleiner König

Zilchers hart am Rande zur Karikatur gebaute Valerie ist das Ereignis in dieser sachlich-kalten Horváth-Inszenierung. Die Sätze zieht Thalheimer seinen Figuren wie Würmer aus der Nase. Zentrale Gestalten wie der Zauberkönig (Michael Gerber) bleiben als Stichwortgeber mickrig klein. Auf Marianne regnet es dick Konfetti.

Und obwohl das Säuseln der Geigen atembenehmend in der Luft hängt, sind diese Geschichten aus dem Wiener Wald eine Freiluftveranstaltung unter leerem Himmel. Noch ehe man zu diesen schrecklich gewöhnlichen Monstren Zutrauen gefasst hat, verhängt Thalheimer ihre Gesichter mit Pappmasken. Dabei müsste man die Scheusale nur lieben. Sie wären Fleisch von unserem Fleisch. So erntete der Regisseur Buhrufe, das Ensemble badete hingegen im Applaus. Das Publikum zeigte sich vielleicht nicht wohlerzogen, aber gerecht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12.5.2014)

  • Ödön von Horváths Bestien unter einem leeren Himmel voller Geigen: ohne Gesichtsmasken v. li. Michael Gerber, Moritz Grove, Almut Zilcher und Harald Baumgartner (als Rittmeister).
    foto: declair

    Ödön von Horváths Bestien unter einem leeren Himmel voller Geigen: ohne Gesichtsmasken v. li. Michael Gerber, Moritz Grove, Almut Zilcher und Harald Baumgartner (als Rittmeister).

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