Alter König, böse Prinzessin: Top oder Flop

Ansichtssache11. Mai 2014, 17:54
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Gewaltexzesse im U-Bahnhof - würde die Frequenz, mit der das im "Tatort" Thema ist, die Realität widerspiegeln, man müsste sich Sorgen machen. Nachdem sich vor einiger Zeit in Berlin (für derlei Geschichten ohnehin prädestiniert) in einer U-Bahn-Station die Hölle aus grundloser Brutalität und mangelnder Zivilcourage auftat, war es nun im Kölner "Tatort" ("Ohnmacht") so weit.

foto: orf/ard/martin menke

Kommissar Ballauf wird Zeuge, wie ein Junge und ein Mädchen einen anderen jungen Mann halb totprügeln. Alle anderen schauen weg, Ballauf wird von den Jugendlichen vor die U-Bahn geschubst, das ursprüngliche Opfer stirbt später im Krankenhaus. Jugendgewalt, Zivilcourage und der (erzieherische wie juridische) Umgang mit jungen Straftätern sind wichtige Themen - einfach weil es die Realität ist. In Köln aber wird diese beinah unglaubwürdig. Zu sehr walzt man familiäre Dramen bis ins Unendliche aus (der Vater der beschuldigten Janine über den lange unerfüllten Kinderwunsch: "Wir wollten so sehr ein Kind").

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Zu beleidigt stampft der verletzte Ballauf durch die Handlung und blafft in der Gegend herum, wer ihn denn nun vor den Zug gestoßen hätte. Zu mythisch der Ton auch, der angeschlagen wird: Das sei doch eine Prinzessin, meint Schenk über Janine. Ballauf: "Vielleicht ist sie 'ne böse Prinzessin." Ihren Vater (den alten König, um in der Narration zu bleiben) treffen die Kommissare beim einsamen Alkoholkonsum, ihm tut es leid. Was genau? "Dass Janine böse ist. Und wir konnten sie nicht aufhalten."

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Die Berliner Folge aus dem Vorjahr (hieß Gegen den Kopf) war überzeugend, da sie die Geschichte nicht unnötig aufblies. Hier ist von allem zu viel. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 12.5.2014)

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"Berührend und besonders wird dieser sonst eher durchschnittliche Tatort dann, wenn aus dem Leben einer jungen Verdächtigen erzählt wird. Ein prinzessinartiges Wesen mit bösem Kern. Eine Lügnerin, an deren Kälte schon ihre Familie erfroren ist; späte Eltern, die sich nichts so gewünscht haben wie ein Kind", schreibt Holger Gertz in der "Süddeutschen Zeitung".

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"Wahrheit und Recht sind nicht immer ein und dasselbe. Zuweilen tut sich der Film mit diesen beiden Themen etwas schwer. Die Gespräche, die Ballauf und Schenk über Sinn und Unsinn ihres Tuns führen, rutschen dann ins Floskelhafte und stehen in denkbar großem Kontrast zur Rohheit der jugendlichen Gewalt", heißt es in der "FAZ"-Kritik von Lena Bopp.

Christian Buß im "Spiegel": "Eine gute Entscheidung, dass die Verantwortlichen des Kölner "Tatort" weitgehend darauf verzichten, mit handlichen küchenpsychologischen Argumenten das Verbrechen verstehbar zu machen. Gerade für die Figuren Schenk und Ballauf, die Erklärbären des Fernsehkrimis, die in der Vergangenheit oft gesellschaftliche Phänomene freundlich brummend in den dicken Tatzen hin- und herwendeten, bis sie sich in Wohlgefallen auflösten, ist das ein mutiger Schritt."

Wie hat Ihnen diese Folge gefallen? Top oder Flop? (red, derStandard.at, 11.5.2014)

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