"Selbstverständlich gibt es eine politische Botschaft"

11. Mai 2014, 14:09
225 Postings

Der Pionier in der Wiener Drag-Szene über die Folgen des Wurst-Sieges für das schwule Selbstverständnis

STANDARD: Wie geht es Ihnen nach dieser Nacht?

Soldo: (schluchzt) Bah. Ich kann mich natürlich zusammenreißen, aber es ist einfach wirklich die Freude so groß. Es sind Tränen der Freude und der Genugtuung, dass Österreich als Land von der Europäischen Gemeinschaft wahrgenommen wird, das hier eine Sensation geschafft hat. Ein Land, wo ein Mensch sich hinstellt und vor 200 Millionen Menschen ein Lied singt, der einfach vom zweiten Halbfinale bis zum Samstag durchmarschiert ist. In die Herzen der Menschen, in die Herzen der Menschen, die angerufen haben und 50 Cents gezahlt haben, damit Österreich zwölf Punkte bekommt. Eine der größten Sensationen: Israel, zwölf Punkte an Österreich! Dass eine transsexuelle Künstlerin gesellschaftspolitisch, sozialpolitisch etwas schafft, was keine Regierung und keine anderen Künstler in Österreich geschafft haben, das freut mich wahnsinnig.

STANDARD: Was bedeutet das für das schwule Selbstverständnis?

Soldo: Viele sagen, dass der Song Contest vor allem eine Homosexuellenveranstaltung ist, was ein absoluter Schwachsinn ist. Es geht um Singen und darum, dass man das, was man singt, richtig gut rüberbringt. Ich finde übrigens, die Niederlande hatten einen richtig guten Song, und ich bin total happy, dass sie am zweiten Platz gelandet sind. Ich habe auch Schweden sehr gut gefunden, das war echte Konkurrenz. Aber wie Conchita Wurst dagestanden hat, unsere Conchita, da war klar, die schafft das.

STANDARD: Aber was bedeutet das für das schwule Selbstverständnis?

Soldo: Es hat damit zu tun, dass genau die ganzen Grenzen, die wir uns setzen in unseren Gehirnen, „eine Frau hat keinen Bart zu haben", oder ein Mann hat so und so auszusehen, dass wir uns öffnen müssen für eine neue Zeit. Genau das ist Conchita Wurst gelungen. Sie hat eine Revolution gemacht, ich bin mir ganz sicher. Es ist nichts Messianisches, aber es ist etwas, das die Leute zum Nachdenken bringen wird. Und vor allem, sie mögen sie alle. Das ist das Geniale. Sympathie von ganz Europa.

STANDARD: Gibt es eine politische Botschaft dahinter?

Soldo: Selbstverständlich ist das eine politische Botschaft. Wenn man sich anschaut, was in den Oststaaten dieses Kontinents, der einmal zusammenwachsen soll, was da an bösartigen Kommentaren und an Lästereien abgegeben wurde, selbst in unserer Republik. All diesen Menschen wurde einfach von 180 Millionen Abstimmern der Riegel vorgeschoben. Nach dem Motto: „Hier, das habt ihr jetzt. Wir haben den Star, und wir haben gewonnen." Das ist sicher auch ein großer Sieg für uns.

STANDARD: Auch Staaten, die als homophob gelten, haben Punkte an Conchita Wurst abgegeben.

Soldo: Weil das die Menschen waren! Das ist ja das Geniale. Das waren nicht die Staaten, sondern die Menschen, die einem Menschen zugehört haben und seine Musik geil gefunden haben, den Look geil gefunden haben, den Bart geil gefunden haben. Genau darum ging es, es ging um Sympathie und Ausstrahlung und Charisma, genau das hat Conchita Wurst. Allein dieser Name, wir wissen alle, was Conchita ist, abgeleitet von "la concepción", „die Empfängnis", ein Verweis auf die Jungfrau Maria und ihre unbefleckte Empfängnis, und dann noch "Wurst". Gibt es ein Wort, das wienerischer wäre als Wurscht? Das ist mir wurscht. Und das ist mir eben nicht wurscht. Man kann keine anderen Vergleiche machen, Conchita Wurst hat etwas geschaffen, hat eine Kunstfigur kreiert, die von einem großartigen Künstler geleitet wird, nämlich von Tom Neuwirth.

STANDARD: Was bedeutet das für die Wahrnehmung Österreichs im Ausland?

Soldo: Ich muss meinen guten Freund Sebastian Schatz zitieren, er hat gesagt: "Österreich hat einen schwarzen Ausnahmespieler im Fußball, der international ein Star ist, und eine Dragqueen, die singen kann. Das ist ein wirklich ein fortschrittlicher Staat."

STANDARD: Ist es ein fortschrittlicher Staat, oder ist das eine Ausnahme?

Soldo:Nein. Von außen gelten wir als wagemutig, als Land mit tollen Musikern.

STANDARD: Und im Land?

Soldo: Da ist noch viel zu tun.

STANDARD: Was haben die sozialen Medien für eine Rolle gespielt?

Soldo: Das kam alles im Sekundentakt. Ich wurde von Facebook verwarnt am Donnerstag, ich würde die Anwendung nicht konformgerecht verwenden. Ich habe immer nur ge"like"t. Das war sicher ein großer Durchbruch bei den sozialen Medien, gemeinsam etwas zu bewegen, was die Themen schwul, Musik und Song Contest angeht. Natürlich waren alle connected. Einer meiner Freunde war im Hexenkessel von Kopenhagen und hat sich alle Shows, Proben und Pressekonferenzen angeschaut. Ein Hardcorefan von Conchita. Er hat gesagt, die Halle hat getobt, inklusive Fans von anderen Teilnehmern, die einfach bei Conchita alle ausgeflippt sind. Das ist nichts anderes als ein Beweis, dass es ein großartiger Künstler ist. (Michael Völker, derStandard.at, 11.5.2014)

Mario Soldo ist „Mutter" der Modelagentur mother agency, Namensgeber der Regenbogenparade, Pionier in der Wiener Drag-Szene und war Juror in der ORF-Show "Helden von morgen". Am Sonntag hat Soldo eine Facebook-Kampagne gestartet, mit der er sich als Moderator für den nächstjährigen Song Contest in Wien bewirbt.

  • "Sie hat eine Revolution gemacht", findet Mario Soldo.
    foto: facebook

    "Sie hat eine Revolution gemacht", findet Mario Soldo.

Share if you care.