Tourismus-Direktor: "Conchita ist eine sehr wienerische Figur"

Interview11. Mai 2014, 13:35
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Wiens Tourismus-Direktor Norbert Kettner über den touristischen Effekt von Conchita Wursts Song-Contest-Erfolg und Österreichs Image als Hort der Toleranz.

STANDARD: Wird der Song Contest 2015 in Wien stattfinden?

Kettner: Als Wiener sage ich natürlich: wo sonst? Spaß beiseite: Das ist natürlich ein gesamtösterreichischer Erfolg, Conchitas Sieg zeigt, dass sich in ganz Österreich gesellschaftlich etwas verändert hat. Aber es gibt ganz praktische Fragen, etwa jene: Wo gibt es eine Halle, die groß genug ist für eine solche Austragung? Da sind wir mit der Stadthalle gut aufgestellt. Wo gibt es genügend Hotels, auch im hochklassigen Bereich? Da ist Wien unschlagbar. Zudem ist Conchita Wurst eine sehr wienerische Figur.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Kettner: In Wien herrscht ein Klima, in dem sich eine Kunstfigur wie Conchita in all ihrer Symbolik auch entfalten konnte. Der Life Ball ist ein Faktum in Wien, genauso die Regenbogenparade. Und Faktum ist auch, dass Wien schon länger das Image einer toleranten, weltoffenen Stadt hat – wir merken das auch daran, dass homosexuelle Paare Wien gerne für Wochenendtrips buchen.

STANDARD: Was würde die Austragung des Song Contest für Wiens Tourismus bedeuten?

Kettner: Ich glaube nicht an unmittelbare Effekte – aber langfristig ist das natürlich wichtig. Conchita Wursts Sieg wird das Image Österreichs und Wiens in Sachen Toleranz noch viel mehr festigen und befördern.

STANDARD: Da hinkt die Politik wohl ein wenig hinterher?

Kettner:Das würde ich so gar nicht sehen. Ohne die Politik wäre der Life Ball in Wien gar nicht möglich gewesen, vor allem zu Beginn nicht. Und alle, die mit sexueller Ausrichtung ein Problem haben, haben in Kopenhagen ein deutliches Signal bekommen: Eure Meinung ist nicht mehr so wichtig. Es ist ja sehr interessant, wenn man sich die Votings in den osteuropäischen Ländern ansieht, die als homophob gelten. Da sind die Jurys, also die Eliten, zu ganz anderen Ergebnissen gekommen als das jeweilige nationale Publikum. Die haben auch Conchita unterstützt – und damit gezeigt, dass manche Themen immer weniger Bedeutung haben.

STANDARD: Sie haben aus Ihrer Homosexualität nie ein Hehl gemacht. Ist dieser Sieg von Conchita Wurst irgendwie wichtig für Sie – oder eher wurst?

Kettner: Wurst ist gar nicht wurst. Natürlich freue ich mich, natürlich ist das wichtig. Aber es wäre doch sehr eindimensional, diesen Erfolg nur auf die Schwul-Transgender-Schiene zu heben. Das war ein tolles Lied, kombiniert mit einer perfekten Performance – eine tolle Leistung des Künstlers. Mir war immer schon wichtiger, was jemand kann und bereit ist zu leisten, als was er im Schlafzimmer so treibt. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 12.5.2014)

ZUR PERSON: Norbert Kettner, Jahrgang 1967, leitet seit September 2007 den Wien-Tourismus.

  • Norbert Kettner: "Alle, die mit sexueller Ausrichtung ein Problem haben, haben in Kopenhagen ein deutliches Signal bekommen."
    foto: peter rigaud

    Norbert Kettner: "Alle, die mit sexueller Ausrichtung ein Problem haben, haben in Kopenhagen ein deutliches Signal bekommen."

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