Enttäuschung hier, Hoffnung dort

9. Mai 2014, 19:10
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Der Sonntag gilt als Lostag für die Zukunft der Ostukraine

Alexander Ostapenko blickt dem Referendum, zu dem an diesem Sonntag die Einwohner der Regionen Donezk und Lugansk aufgerufen sind, mit Skepsis und mit Ablehnung entgegen. Alexander arbeitet als Installateur; der 36-Jährige sagt: "Wenn der Donbass an Russland fällt oder wir wie Transnistrien enden, wandere ich aus." Für ihn ist der Feiertag am Freitag - der Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkrieges, kein Tag zum Feiern.

In Donezk gibt es kaum Menschen, die auf die Straßen gehen, um ihre proukrainische Haltung zu demonstrieren; die meisten haben Angst vor Übergriffen. Bürgermeister Alexander Lukjantschenko hat die Bevölkerung gebeten, nicht mit ukrainischen Fahnen auf die Straße zu gehen oder Schleifen in den blau-gelben Landesfarben zu tragen.

Das Stadtbild wird an diesem Freitag von den schwarz-blau-roten Farben der sogenannten "Volksrepublik Donezk" und dem Orange-Schwarz des Sankt-Georg-Bandes geprägt. Am Vormittag ruft der selbsternannte Gouverneur Denis Puschilin dazu auf, am Sonntag über den Status der Region abzustimmen und an der Wahl teilzunehmen "um die Ausbreitung von Neofaschismus zu stoppen".

"Ehre der Ukraine"

Auf dem zentralen Leninplatz haben die Separatisten eine Bühne neben dem Lenin-Denkmal aufgestellt und russische Rockbands eingeladen. Wer dort mit ukrainischen Fahnen oder Sprüchen wie "Slawa Ukraina" (Ehre der Ukraine) auftauchen würde, würde wohl die Einlieferung ins Krankenhaus oder Schlimmeres riskieren. Auf dem Platz haben sich viele junge Menschen, aber auch andere Generationen versammelt.

Auch Dmitrij Gramnitskij kommt am Nachmittag in die Innenstadt. Zuvor hat er sich am Morgen die Militärparade in Moskau im Fernsehen angeschaut. Der 33-jährige Autohändler hatte den russischen Sender Rossija24 eingeschaltet. "Ich wäre froh, wenn wir zu Russland gehören würden. Dann wären wir Teil einer Weltmacht", sagt der junge Mann. Als der russische Präsident während seiner Ansprache sagte: "Der 9. Mai war, ist und bleibt unser wichtigster Feiertag", habe Dmitirj zustimmend genickt, berichtet er. Er habe das Programm fast ehrfürchtig verfolgt.

Für die prorussischen Anhänger in Donezk, zu denen sich Dmitrij zählt, steht fest, dass der Westen für die Ostukraine als Vorbild nicht taugt. Wladimir Putin ist ein Idol für den jungen Unternehmer, und auch die meisten seiner Familienmitglieder denken so. "Die EU setzt die falschen Prioritäten: Dort haben immer mehr Minderheiten das Sagen. Das macht die Grundlagen der Gesellschaft kaputt", sagt Dmitrij. Er würde es am liebsten sehen, wenn die Mehrheit der ostukrainischen Regionen sich Russland anschließen würden. "Je schneller, desto besser", meint er.

Die Einschätzung des Installateurs Alexander Ostapenko sind vollkommen anders. Obwohl er das Referendum und das Festhalten an alten, sowjetischen Feiertagen für falsch und rückwärtsgewandt hält, sagt er: "Die Abstimmung wird stattfinden." Es gebe in Donezk und Lugansk einfach zu viele Menschen, die den Zeiten der Sowjetunion hinterhertrauern. Zudem galt der Donbass in den Zeiten der UdSSR als eine wohlhabende, privilegierte Region, weil dort die Schwerindustrie angesiedelt war.

Während der NGO-Aktivist alle Hoffnung auf die Präsidentschaftswahlen am 25. Mai setzt, ist für Gramnitskij dieser Sonntag entscheidend: Weder die Übergangsregierung in Kiew noch die Kandidaten der Präsidentschaftswahl interessieren den Mann. "Ich stimme für die Unabhängigkeit Donezks, damit wir ein Teil Russlands werden ", sagt der Autohändler.

Ostapenko hofft hingegen, dass nach dem 25. Mai endlich damit begonnen wird, das Land zu reformieren. Der Kandidat Petro Poroschenko könnte das seiner Meinung nach am ehesten hinbekommen. Dass der Westen den Unternehmer unterstützt und akzeptiert, sei schon einmal eine gute Voraussetzung. (Nina Jeglinski aus Donezk, DER STANDARD, 10.5.2014)


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