Muttertag jenseits von Blumen und Bonbons

Kommentar der anderen9. Mai 2014, 18:44
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Die hochtechnisierten Militär- und Polizeiapparate sind nicht in der Lage, die 200 entführten Mädchen in Nigeria auszumachen. Es braucht ein neues Sicherheitsparadigma: Mütter sind die Linie in der Verteidigung gegen Extremismus und Terror.

Die Bilder, die uns in den letzten Tagen über die Nachrichten erreichen, zeigen bestürzende Realitäten. Mütter, die zu Tausenden durch die Straßen Nigerias ziehen mit großen Schildern wie "Bringt unsere Mädchen heim" und "Stoppt den Terror!". Sie demaskieren das fragile Sicherheitssystem des Kontinents und stellen die Effizienz der Anti-Terror-Strategien infrage. Diese Mütter sind Proponentinnen einer neuen Bewegung, die noch keinen Namen hat, aber das Unbehagen in Bezug auf den konventionellen Militär- und Polizeizugang zum Ausdruck bringt.

Eine schockierte Weltöffentlichkeit erlebt das Versagen einer hochgerüsteten Supertechnologie, die Terrornester in den entlegensten, unwegsamsten Regionen aufspürt, aber nicht imstande ist, die mehr als 200 entführten Mädchen zu lokalisieren. Ganzkörperröntgen auf internationalen Flughäfen, Videokameras in allen westlichen Metropolen sind eine Form der Prävention, die aber an der Oberfläche bleibt.

Verzweifelte Mütter und Väter durchstreifen die Wälder im Norden Nigerias mit primitiven Waffen und riskieren ihr Leben. Wir sehen ganz klar: Terroristen haben nicht nur öffentliche Plätze und religiöse Versammlungsorte im Visier, sondern zielen zunehmend bevorzugt direkt ins Zentrum der Familien und Gemeinschaften - ein dezentralisierter, lokaler Zugang.

Die Botschaft ist klar: Der Kampf gilt Bildung und kritischer Erziehung, die geradlinig in die Einforderung von Frauenrechten münden.

Jihadis made in Austria sind auch keine Ausnahmeerscheinung mehr. Ein überproportional hoher Anteil der europaweit nach Syrien aufbrechenden jungen Kämpfer kommt aus der Alpenrepublik. Ihre Mütter sind fassungslos, so wie Tausende von Müttern von England bis Schweden. Sie versuchen mit ihrem persönlichen Trauma zurechtzukommen, hoffen, dass diese Kinder dieses "Abenteuer" überleben, und versuchen sich - wie auch die Sicherheitsexperten - vorzustellen, wie verändert diese Teenager zurückkommen werden. Es gibt die Befürchtung, dass manche von ihnen den Terror nach Europa bringen und die toxischen Ideologien des Terrors nach ihrer Rückkehr in die Tat umsetzen.

Bei meinen Forschungsreisen durch von gewalttätigem Extremismus geprägte Länder hatte ich die Gelegenheit, mit Müttern von Attentätern zu sprechen. Bouthaina aus Nablus hat wenig zu tun mit dem Image der klassischen Mutter eines Selbstmordattentäters. Ihr ältester Sohn Ahmed, ein liebenswürdiger Vorzugsschüler aus einer typischen aufstrebenden palästinensischen Mittelschichtsfamilie, hat sich mit 17 in die Luft gesprengt.

"Das hilft niemandem"

Wenn der Leichnam zum Haus gebracht wird, ist das typische Szenario, dass die Mutter zu Boden fällt und Allah preist. Bouthaina hielt inne, und der erste Gedanke, der ihr in den Sinn kam, war: "Das hilft niemandem, ganz bestimmt nicht unserem besetzten Volk." Sie ist eine der Stimmen der Mütter, die immer mehr werden und die die Chance für einen neuen Dialog sind. Sie schickt eine Botschaft an die jungen Menschen: Diese sollten an ihre Mütter und Väter denken, die über diesen Verlust nie hinwegkommen werden.

Sie war mutig genug, öffentlich zu sagen, dass sie beim Begräbnis den unermesslichen Schmerz verspürte und wünschte, sie wäre mit ihm gestorben - ein Tabubruch in dieser Gesellschaft, aber gleichzeitig die Hoffnung für einen neuen Dialog. Dafür müssen wir aber sensibel sein, um diesen noch zaghaften neuen Stimmen eine Plattform zu geben.

Vicky Ibrahim ist die Mutter des sogenannten Bristoler Einkaufszentrum-Bombers. Andy, der konvertierte Isah, ist in einem Arzthaushalt aufgewachsen und hat anders als sein Bruder, der Rechtsanwalt wurde, einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen, der schließlich in einem Hochsicherheitstrakt endete. Vicky hat den verlorenen Sohn aber nicht aufgegeben und bei ihren Gefängnisbesuchen ganz auf sich gestellt ein beispielloses Rehabilitationsprogramm durchgezogen. Isah, mittlerweile wieder Andy, wird demnächst sein Fernstudium abschließen.

In eine smarte Sicherheitsstrategie müssen Rückkehrer wie Andy eingebaut werden, die jungen, emotionalisierten und aufbruchsbereiten Jugendlichen glaubhaft versichern können, dass sich die Reise in diese Welt der Finsternis und Zerstörung nicht lohnt.

Der Bereich der Prävention ist noch nicht exploriert, hier pendeln wir zwischen Schuldzuschreibungen, Sensibilitäten und Defensivhaltungen. Es muss nach effizienten Verbündeten Ausschau gehalten werden, um eine tragfähige Sicherheitsarchitektur zu etablieren, und die Basis dafür sind die Familien, in denen die Frühwarnsignale für Radikalisierung sondiert werden können. Die Mütter sind ideal platziert, sie sind den heranwachsenden Kindern am nächsten, aber sie müssen dabei gezielt unterstützt und auch geschult werden.

Beiseitegeschoben

Die meisten Mütter sagen: "Das hätte ich nie von meinen Kindern gedacht, ich bin aus allen Wolken gefallen", aber in längeren Diskussionen zeigt sich immer, dass sie ihre Zweifel beiseiteschoben, die Situation verleugneten und verdrängten in der falschen Annahme, ihr Kind zu beschützen, und damit einer verhängnisvollen Dynamik ihren Lauf ließen.

Ganz im Gegenteil: Mütter sind die erste Linie der Verteidigung. Darauf bauen die Frauen-ohne-Grenzen-Mütterschulen-Pilotprogramme von Ostafrika bis Indien, von Pakistan bis Indonesien auf. Parenting for Peace ist nicht nur ein Slogan, sondern ein gezieltes Training, das Mütter als Akteurinnen für ein neues Sicherheitsparadigma qualifiziert.

 

Edit Schlaffer (Jahrgang 1950) ist Sozialwissenschafterin, Autorin und Gründerin von Frauen ohne Grenzen sowie von Sisters Against Violent Extremism (SAVE), der weltweit ersten weiblichen Anti-Terror-Plattform. 

Link

frauen-ohne-grenzen.org

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