Ein Abend der neuen Gesichter

9. Mai 2014, 18:22
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"Norma" konzertant an der Staatsoper

Wien - Ein Abend der neuen Gesichter an der Wiener Staatsoper: Weil sich die ewige Kaiserin der vokalen Kunstfertigkeit, Edita Gruberova, ein Bein gebrochen hatte, musste die für sie konzipierte konzertante Aufführungsserie von Bellinis Norma ohne den Koloraturstar stattfinden; anstelle Gruberovas sang Maria Pia Piscitelli die Titelpartie.

Halb Kriegerin, halb Göttin, ganz Stolz und Entschlossenheit: Mit diesem charismatechnischen Rüstzeug und im eleganten grünen Abendkleid trat die Italienerin dem Staatsopernpublikum bei ihrem Hausdebüt entgegen. Gesanglich bot die Bühnenroutinière solide Arbeit, führte ihren eher weichen Sopran kontrolliert zu dramatischen Spitzen und lyrischer Zartheit. Brava. Man durfte nur nicht anfangen sich vorstellen, welche Klang- und Farbwunder die Gruberova in manchen Passagen fabriziert hätte.

Dunkle Sinnlichkeit, dramatische Kraft und emotionale Intensität: alles da bei Nadia Krastevas Adalgisa. Speziell in den Duetten mit Piscitelli forcierte und dominierte die Bulgarin etwas zu sehr, da hätte der Oberpriesterin vonseiten der Novizin doch etwas mehr Respekt zugestanden gehört. In einer A-cappella-Passage der beiden amourösen Rivalinnen kam es zu einem beängstigenden gemeinsamen Sinkflug, der zu einem kleinen intonationstechnischen Crash führte, als das Orchester wieder einsetzte.

Massimo Giordano könnte man in jeder Rosamunde-Pilcher-Verfilmung als adeligen Schlossbesitzer einsetzen; an der Staatsoper sang der Italiener den Pollione mit hellem, starkem, eher engem, im Fortissimo etwas meckerndem Tenor. Dan Paul Dumitrescu gab als Normas Papa Oroveso mit seinem mächtigen und noblen Bass den rundesten Gesamteindruck des Abends ab. Unauffällig dienstbar Simina Ivan als Clotilde und Carlos Osuna als Flavio.

Bezüglich des Staatsopernorchesters ist von zahlreichen jungen, unbekannten Gesichtern zu berichten, die das Licht der Vorbühne erblickten: Da muss eine größere Aufnahmewelle stattgefunden haben! Zwecks Altersausgleichs wurden aber auch Seniorkräfte reaktiviert und beigemischt. Die anfängliche Sprödheit des Musizierens verlor sich im Lauf des Abends zum Teil. Der Hausdebütant am Dirigentenpult, Andriy Yurkevych, enttäuschte mit platten, durchgepeitschten Tutti und erfreute mit lyrischer Feinarbeit. Viel Beifall und Freude. (Stefan Ender, DER STANDARD, 10.5.2014)

12., 17., 21. Mai

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