Esel im Salon, Eier auf Kolumbus

9. Mai 2014, 18:27
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Stationen- und bezügereich präsentiert sich die Ausstellung der Festwochen "Zehntausend Täuschungen und hunderttausend Tricks" im 21er-Haus: Thema sind gesellschaftspolitische und ökonomische Umbrüche

 Wien - "Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt!", beginnt die Internationale. Erste Zeilen, die einen Vordenker der Entkolonialisierung, Frantz Fanon, zu seinem Buchtitel Die Verdammten dieser Erde inspirierten. Was die sozialistische Arbeiterbewegung in ihrem Kampflied "letztes Gefecht" nennt, ist bei Fanon die algerische Revolution (1954-1962). Ihm geht es um die gewalttätige Unterjochung der Kolonisierten durch die Kolonialherren, die sich in Geist und Körper der Unterdrückten einschreibt. Mithilfe der Gewalt -, die sich als widerständige Gegengewalt versteht - befreie sich das Individuum, konstituiere sich eine Nation im gemeinsamen Kampf.

Insofern ist es ein wenig irritierend, dass sich die Festwochen-Ausstellung Zehntausend Täuschungen und hunderttausend Tricks im 21er-Haus mit ihrem Titel auf Fanons Buch bezieht. Denn die vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings und der Neuordnung des Kapitalismus thematisierten Umbrüche, zielen auf andere Strategien der Gegenwehr ab: Gewalt taucht in der Ausstellung des Zagreber Kollektiv WHW ("What, How and for Whom") keinesfalls als befreiende, positive Dimension auf. Versammelt sind vielmehr subtile, analytische oder dokumentarische künstlerische Auseinandersetzungen, die u. a. mit Mitteln der Satire, der Rekonstruktion oder Erzählung arbeiten.

Aber genug der i-Tüpfel-Reiterei, vielleicht sollte man den Titel der Schau auch nicht überbewerten. Eine gewisse Schwammigkeit stellt sich bei Mammutprojekten wie diesen wohl zwangsläufig ein: Über sieben Stationen (u. a. Kairo, Hongkong und Beirut) hinweg hat sich die Präsentation stetig tranformiert, mal mehr feministische, mal mehr ökonomische oder soziale oder lokale Aspekte berücksichtigt.

Umbrüche also. Verhältnisse, die noch nicht ausverhandelt sind. Koloniale, rassistische Strukturen ... Halten wir fest: Die Ausstellung ist durch und durch politisch. Und sie ist gut - trotz allen Geschwurbels von "sich ins Wort fallenden Kapiteln". Das thematisch schwer einzudämmende, wird allerdings von der Architektur im Obergeschoß des 21er-Hauses angenehm eingefasst; die Kuben und Nischen schaffen intimere Wirkungsräume.

Daniela Ortiz hat etwa die Lebensbedingungen von Hausmädchen seit den 1930er-Jahren visualisiert, indem sie die Grundrisse von als progressiv gepriesenen Häusern der lateinamerikanischen Moderne ausgewertet hat: Im Verhältnis zum Hauptschlafzimmer wurden die Zimmer der Bediensteten immer winziger.

Master & Servant

Ein Prinzip von "Master and Servant", das mit dem Zerbröseln der Mittelklasse in der Gegenwart wieder auftaucht - und auch in der Fotoserie von Hicham Benohoud, allerdings sehr optimistisch, verhandelt wird: Er platzierte Esel in Wohnungen der marokkanischen Mittel- und Oberschicht, stellte sie auf Stapel von Betonziegeln oder umzäunte sie mit Baugittern - also Materialien, die symbolisch auf einen Umbau der Gesellschaft hindeuten.

Mit "faulen Eiern" - illegal aus Argentinien importiert - rächte sich Runo Lagomarsino für die Kolonialisierung Südamerikas: Vergeltungsopfer war das "Ei des Kolumbus", ein dem Entdecker Amerikas gewidmetes Denkmal in Sevilla. Anton Kannemeyer begegnet den Rassismen im Hergé-Comic Tim im Kongo, indem er sich die Bildsprache aneignet und für bissige Kommentare zum Verhältnis von Schwarzen und Weißen verwendet.

Das DAAR-Kollektiv, das WHW bereits bei ihrer Ausstellung im Steirischen Herbst 2011 dabeihatte, stiftet einen besonders kraftvollen Beitrag. Unterlegt mit tiefen, beunruhigenden Frequenzen beschäftigt sich ihr Film mit dem brachliegenden, ruinengleichen Bau des palästinensischen Parlaments. Ein Gebäude, das eine unsichtbare Linie, die Jerusalem begrenzt, schneidet und so das Tabu brechen wollte, auf israelischem Gebiet zu bauen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 10.5.2014)

Die Ausstellung Zehntausend Täuschungen und hunderttausend Tricks hat nicht nur sieben Stationen, sondern ist ihrerseits Teil 7 der Projektreihe Meeting Points (organisiert von Young Arab Theatre Fund, YATF, Brüssel) in der auch Schauspielchefin Frie Leysen oder der Leiter der Venedig Biennale 2015, Okwui Enwezor, bereits kuratierten. 

 

Bis 31.8.

  • Der Esel bricht in die Sphäre der Mittelklasse und Oberschicht ein: Fotoprojekt des marokkanischen Künstlers Hicham Benohoud von 2012/2013. 
    foto: benohoud

    Der Esel bricht in die Sphäre der Mittelklasse und Oberschicht ein: Fotoprojekt des marokkanischen Künstlers Hicham Benohoud von 2012/2013. 

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