Toleranzprüfung Song Contest

9. Mai 2014, 18:13
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Conchita Wurst schaffte mit "Rise Like A Phoenix" den Einzug ins Eurovision-Song-Contest-Finale. Schon jetzt hat die Kunstfigur, die authentischer wirkt als der große Rest der Mitbewerber, international viel Sympathien und große Medienpräsenz gewonnen

Wien/Kopenhagen - Conchita Wurst hat gewonnen. Zwar vorerst nur die Möglichkeit, noch Letzte zu werden, doch das scheint unwahrscheinlich zu sein. Der Wirbel um die österreichische Teilnehmerin beim 59. Eurovision Song Contest in Kopenhagen hat dieser nicht geschadet. Im Gegenteil. Die offenen Anfeindungen reaktionärer Stimmen aus Ländern wie Russland, Weißrussland oder Armenien vervielfachten die Sympathien für den 25-jährigen homosexuellen Sänger und Travestiekünstler Thomas Neuwirth. Nicht zuletzt auch bei den westlich orientierten Menschen in ebendiesen Ländern.

Außerdem hat man schon peinlichere Liedchen bei dieser Veranstaltung gehört als Conchitas Rise Like A Phoenix, das sich an den James-Bond-Titelliedern der 1960er-Jahre orientiert. Dementsprechend schaffte sie am Donnerstagabend im zweiten Halbfinale unter großem Beifall des Saals den Einzug in das Finale am Samstag - als erste Österreich-Vertreterin seit 2011.

Große Anteilnahme

Die Anteilnahme an Wursts Auftritt war groß. Keiner der anderen Teilnehmer hatte vorab so viel Presse wie sie. Wie ein schwuler Mann mit Bart in Frauenkleidern die Toleranz in osteuropäischen Ländern auf die Probe stellt, das war britischen Blättern wie dem Guardian Geschichten wert, auch die FAZ und der Spiegel berichteten ausführlich. Dabei ging es weniger um die Musik, sondern um die Wogen der Entrüstung aus tendenziell wenig toleranten Ländern. Der Kanon: Je autoritärer regiert wird, desto größer ist die Ablehnung. Wer hätte das gedacht?

Man darf jedenfalls am Samstag auf die Punktevergabe aus oben genannten Ländern gespannt sein, wenn es um Frau Wurst geht. Schließlich forderte Weißrussland, ihren Auftritt erst gar nicht erst zu zeigen.

Für die schwulen und lesbischen Communitys, die den Song Contest traditionell mit großer Emphase begleiten, hat Wurst schon mit ihrem Einzug ins Finale ein Zeichen gesetzt. Schließlich wird ihr Auftritt nun auch in all jenen Haushalten zu sehen sein, in denen sie als Symptom der verfallenden Sitten im Westen gilt. Schon jetzt ein Kollateralsegen des Song Contests.

Was innerhalb des Bewerbs für Wurst spricht: Sie ist als Kunstfigur authentischer als der große Rest der dort auftretenden Möchtegern-Popsternchen, an die sich spätestens am Dienstag niemand mehr erinnern wird. Ob Wurst gewinnt, im Mittelfeld landet oder als Schlusslicht mit ihren langen Wimpern blinkt, ist egal: Thomas Neuwirth vermittelt als Conchita Wurst eine Diversität, die für sehr viele ein Normalzustand ist. Und wenn es dereinst für alle Normalzustand ist, dann wurde zumindest eine Eurovision Wirklichkeit. (Karl Fluch, DER STANDARD, 10.5.2014)

  • Nach stehenden Ovationen im Saal und einem Countdown, der Nerven kostete, wurde Conchita Wurst schließlich in die Finalrunde des Eurovision Song Contest gewählt.
    foto: ap/frank augstein

    Nach stehenden Ovationen im Saal und einem Countdown, der Nerven kostete, wurde Conchita Wurst schließlich in die Finalrunde des Eurovision Song Contest gewählt.

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