Wo ist denn das Ungleichheitsproblem?

Kommentar der anderen9. Mai 2014, 17:25
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Die von Thomas Piketty angestoßene Debatte über die Ungleichheit von Menschen hat ihre Berechtigung - allerdings hängen die Schlüsse daraus sehr vom Fokus des Beobachters ab

Wer Thomas Pikettys einflussreiches neues Buch Capital in the Twenty-First Century liest, könnte zu dem Schluss gelangen, dass die Welt seit den Tagen der Räuberbarone nie ungleicher war. Dies ist seltsam, denn aus der Lektüre eines anderen hervorragenden neuen Buches, The Great Escape von Angus Deaton, könnte man schließen, dass die Welt gleicher geworden ist als je zuvor.

Welche Sicht stimmt? Die Antwort ist davon abhängig, ob man einzelne Länder betrachtet oder die Welt als Ganze.

Das Faktum aus Deatons Buch ist, dass mehrere Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern, insbesondere in Asien, in den letzten Jahrzehnten erbärmlichster Armut entkommen sind. Dieselben Mechanismen, die die Ungleichheit in den reichen Ländern erhöht haben, haben weltweit Milliarden von Menschen mehr Chancengleichheit verschafft.

Pikettys Buch dokumentiert interne Ungleichheit, wobei es sich auf die reiche Welt konzentriert. Ein Großteil der Resonanz auf das Buch kommt von auch Menschen, die sich selbst innerhalb ihrer eigenen Länder zur Mittelschicht zählen, aber die global betrachtet zur gehobenen Mittelschicht gehören oder sogar reich sind.

Es gibt Debatten bezüglich der Fakten, die Piketty im Laufe der letzten 15 Jahre mit seinem Mitverfasser Emmanuel Saez erhoben hat. Ich finde ihre Ergebnisse überzeugend, insbesondere angesichts der Tatsache, dass andere Autoren mittels anderer Methoden zu ähnlichen Schlüssen gelangt sind. Brent Neiman und Loukas Karabarbounis von der University of Chicago etwa argumentieren, dass seit den 1970er-Jahren der Anteil der Arbeit am weltweiten BIP abnimmt.

Jedoch bieten Piketty und Saez nicht wirklich ein Modell an. Dessen Fehlen im Verbund mit dem Schwerpunkt auf die Länder mit der weltweiten gehobenen Mittelschicht spielt eine große Rolle, wenn es um politische Rezepte geht. Wären Pikettys Anhänger wohl nur annähernd so enthusiastisch über seinen Vorschlag einer progressiven globalen Vermögenssteuer, wenn diese darauf abzielte, die enormen Diskrepanzen zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern zu korrigieren statt zwischen jenen, denen es nach globalem Maßstab gut geht, und den Superreichen?

Piketty argumentiert, dass Kapitalismus unfair ist. War nicht auch der Kolonialismus unfair? Jedenfalls hat die Idee einer globalen Vermögenssteuer - abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit ihrer politischen Umsetzung - eine Vielzahl von Glaubwürdigkeits- und Durchsetzungsprobleme.

Zwar hat Piketty recht mit seiner Aussage, dass die Kapitalrenditen in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind. Er schätzt die Debatte über die Ursachen mit unter Ökonomen zu gering. Sollte der Haupttreiber der Zustrom asiatischer Arbeitskräfte auf die globalisierten Handelsmärkte sein, so legt das von dem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Ökonomen Robert Solow vorgelegte Wachstumsmodell nahe, dass sich die Kapitalbestände irgendwann anpassen werden und der Lohnsatz steigen wird. Auch das Ausscheiden alternder Arbeitnehmer aus der Erwerbsbevölkerung wird irgendwann die Löhne in die Höhe drücken. Falls der Arbeitsanteil am Einkommen jedoch aufgrund des unaufhaltsamen Anstiegs der Automatisierung fällt, so wird sich der Abwärtsdruck fortsetzen.

Verbrauchersteuer

Zum Glück gibt es viel bessere Methoden, um Ungleichheit in den reichen Ländern zu bekämpfen und zugleich langfristiges Nachfragewachstum für Produkte aus Entwicklungsländern zu fördern. So wäre eine Umstellung hin zu einer relativ flachen Verbrauchsteuer eine deutlich einfachere und effizientere Methode, um in der Vergangenheit angehäufte Vermögen zu besteuern, insbesondere wenn der Steuerwohnsitz der Bürger mit dem Ort verknüpft werden kann, wo ihr Vermögen erwirtschaftet wurde.

Eine progressive Verbrauchsteuer ist relativ effizient und verzerrt Sparentscheidungen nicht in gleichem Maße, wie es die heutigen Einkommensteuern tun. Warum sollte man versuchen, eine unwahrscheinliche globale Vermögensteuer einzuführen, wenn es Alternativen gibt, die wachstumsfreundlich sind, hohe Steuereinnahmen garantieren und durch eine sehr hohe Steuerbefreiung progressiv gemacht werden können? Neben einer globalen Vermögensteuer empfiehlt Piketty für die USA einen Grenzsteuersatz von 80 Prozent vom Einkommen. Obwohl ich der Ansicht bin, dass die USA eine stärker progressive Besteuerung brauchen - insbesondere was die obersten 0,1 Prozent angeht -, verstehe ich nicht, warum Piketty davon ausgeht, dass ein Steuersatz von 80 Prozent nicht zu erheblichen Verzerrungen führen würde.

Es gibt neben einer progressiven Verbrauchsteuer noch viele weitere praktische Strategien, die sich einführen lassen, um die Ungleichheit zu reduzieren. Jeffery Frankel hat in Bezug auf die USA die Abschaffung der Sozialversicherungsabgaben für Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen, eine Verringerung der Absetzbarkeit für Arbeitnehmer mit hohem Einkommen und höhere Erbschaftssteuern vorgeschlagen. Eine universelle Vorschulbildung würde das langfristige Wachstum steigern. Kohlenstoffsteuern würden dazu beitragen, die globale Erwärmung zu begrenzen, und zugleich Steuereinnahmen bringen.

Wer Pikettys Prämisse akzeptiert, dass Ungleichheit wichtiger ist als Wachstum, sollte nicht vergessen, dass viele Bürger in den Entwicklungsländern Wachstum brauchen, um der Armut zu entrinnen. Das wichtigste Problem des 21. Jahrhunderts bleibt, den in schlimmer Armut lebenden Menschen in Afrika und anderswo zu helfen. Natürlich sollten die reichsten 0,1 Prozent viel mehr Steuern zahlen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass das kapitalistische System, was die Verringerung der weltweiten Ungleichheit angeht, drei beeindruckende Jahrzehnte hingelegt hat. (Kenneth Rogoff, übersetzt von Jan Doolan/Copyright: Project Syndicate, DER STANDARD, 10.5.2014)

Kenneth Rogoff (61) war Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und ist heute Professor für Ökonomie an der Universität Harvard.Kenneth Rogoff: Debatte wird geringgeschätzt. Foto: Reuters

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