"Auf Augenhöhe mit Berlin, London oder Paris"

Interview9. Mai 2014, 17:00
posten

Das Wien der Jahrhundertwende sei ein Tourismusmagnet, aber nicht allein. Immer mehr Wien-Besucher interessierten sich für Zeitgenössisches, sagt Tourismus-Chef Norbert Kettner

STANDARD: Wie viel Prozent der Touristen kommen wegen der vielfältigen Kunstszene nach Wien?

Kettner: Prozentmäßig lässt sich das schwer beziffern. Wir wissen aber, dass die Kunst viele anlockt, klassische Hochkultur genauso wie zeitgenössische Kunst. Letztere hat einen zusätzlichen Vorteil: Sie bietet immer wieder Anlass, nach Wien zurückzukehren.

STANDARD: Kommt beides gleich gut an oder ist der Zuspruch für das Wien der Jahrhundertwende größer?

Kettner: Das Wien der Jahrhundertwende birgt für Besucher weniger Überraschungen, weil es eine globale Marke ist. Dass sich Wien im zeitgenössischen Bereich aber auf Augenhöhe mit Berlin, London oder Paris bewegt, überrascht doch viele. Es gibt kaum Städte in Europa mit einem vergleichbaren Zusammenspiel zwischen großen Kunstinstitutionen, Ausbildungsstätten und Galerien.

STANDARD: Gibt es Nationen, die kunstaffiner sind als andere?

Kettner: Für den zeitgenössischen Bereich sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu nennen, aber auch Russland ist immer stärker im Kommen, Nordamerika sowieso. Zeitgenössische Kunst löst aber auch riesiges Interesse bei asiatischen Besuchern aus, das ist inzwischen ein globaler Trend.

STANDARD: Welche Rolle spielen dabei die Galerien?

Kettner: Die sind einerseits Schaufenster für die österreichische und internationale Kunst; durch ihre Präsenz auf den wichtigsten Messen der Welt sind sie zudem ein wichtiger Link in die internationale Kunstszene. Dort transportieren sie Wien als Standort für zeitgenössische Kunst mit. Last, but not least sind Galerien in Wien auch Adrenalin für diverse Grätzl, sie sorgen für Lebendigkeit abseits der üblichen Trampelpfade.

STANDARD: Fehlt Wien eine Art Basel, die zusätzliche kunstinteressierte Besucher anlocken könnte?

Kettner: Man muss realistisch sein. Die Art Basel ist etwas Einzigartiges, eine Marke, die über viele Jahre aufgebaut wurde. Ich halte es für keinen probaten Weg, einfach mit viel Geld ein Me-too-Projekt auf den Weg zu bringen. Die Viennafair mit ihrem pragmatischen Zugang zu zentral- und osteuropäischer Kunst passt, glaube ich, sehr gut nach Wien, da gibt es auch Wachstumsfantasie. Dasselbe gilt für die Vienna Art Week.

STANDARD: Dennoch ist Wien - Stichwort Lipizzaner - noch immer stark klischeebehaftet. Schlecht?

Kettner: Nein. Es ist immer besser, ein Image zu haben als keines. Ich muss aber schon hinzufügen, dass sich der Ruf Wiens als zeitgenössische Stadt gerade in Europa und in den USA mittlerweile sehr verstärkt hat. Tradierte Blicke auf die Stadt zulassen und Einblick in Zeitgenössisches ermöglichen, das ist unser Ansatz. (Günther Strobl, Spezial, DER STANDARD, 10./11.5.2014)


Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung des Verbands Österreichischer Galerien Moderner Kunst. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Norbert Kettner (46) ist seit 2007 Wien-Tourismus-Geschäftsführer. Der gebürtige Tiroler verantwortet ein Budget von 25 Millionen Euro.
    foto: peter rigaut

    Norbert Kettner (46) ist seit 2007 Wien-Tourismus-Geschäftsführer. Der gebürtige Tiroler verantwortet ein Budget von 25 Millionen Euro.

Share if you care.